Leïla Slimanis Roman „Trag das Feuer weiter“
Zwischen Nähe und Fremde
- hochgeladen von Peter Mohr
„Eines Nachts im November 2021 habe ich meinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren.“ Mit diesem Statement der Protagonistin Mia, eine bekannte Schriftstellerin, eröffnet Leïla Slimani ihren neuen Roman „Trag das Feuer weiter“ - Abschlussband ihrer Roman-Trilogie, in der sie anhand ihrer eigenen Familiengeschichte auf dem schmalen Grat zwischen Heimat und Fremde, zwischen Nähe und Distanz wandelte.
Leïla Slimani, die 1981 in Rabat als Tochter einer Ärztin und eines ehemaligen marokkanischen Wirtschaftsministers geboren wurde, kam 1999 nach Paris, wo sie nach ihrem Politikstudium kurzzeitig als Journalistin arbeitete. 2016 hatte sie für ihren Roman „Dann schlaf auch du“, der in Frankreich im ersten Jahr gleich 350.000-mal verkauft wurde, den renommierten „Prix Goncourt“ erhalten, Der Anfang einer atemberaubenden Karriere.
Die Protagonistin Mia war an Corona erkrankt und leidet seitdem unter Post-Covid, genauer unter „Brain fog, einer massiven Beeinträchtigung der kognitiven Leistung. Für eine Schriftstellerin ein zur Realität gewordener Albtraum. Erinnerungen, Wörter, Zusammenhänge – alles erscheint wie von einem dichten Nebel umhüllt.
Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, wo sie sich eine regenerative Auszeit nehmen soll. Doch als sie bei ihren Großeltern eintrifft, fühlt sie sich wie eine Fremde. Auch die Erinnerungen an ihre Familie sind nur noch ziemlich vage. Äußerst beklemmend liest sich Mias medizinischer Spießrutenlauf. Von schweren Depressionen ist lange die Rede, erst spät diagnostiziert ein Arzt den Zusammenhang zwischen Corona und ihren Symptomen.
Mias Krankheitsgeschichte korrespondiert mit den Schilderungen ihres Vaters Mehdi, der ihr einst, als sie nach Paris aufbrach, den vielsagenden Satz „Komm nicht wieder“ mit auf den Weg gegeben hatte. Was steckte hinter diesem gutgemeinten väterlichen Rat? Angst vor Enttäuschung durch eine zunehmende Entfremdung?
Mia und ihre Schwester Inès sind von ihren Eltern Mehdi und Aïcha in Rabat äußerst liberal erzogen worden. Doch außerhalb der eigenen vier Wände stoßen die Geschwister und ihre Eltern im marokkanischen Alltag schnell an Grenzen. Vater Mehdi landet als Direktor eines Kreditinstituts zeitweise im Gefängnis, weil er sich den korrupten Machenschaften verweigert. Mutter Aïcha erlebt in ihrem Job als Gynäkologin die erbarmungslosen Schattenseiten der rückständigen marokkanischen Gesellschaft, in der außerehelicher Sex und Abtreibung mit Gefängnis bestraft wird.
Leïla Slimanis Roman zeichnet ein Marokko-Bild zwischen Tradition und zaghaftem Aufbruch, ein Land zwischen Islam und Christentum, in dem die Emanzipation der Frauen noch in den Kinderschuhen steckt. Und mittendrin die Schriftstellerin Mia, die ebenso stark an ihrer Post-Covid-Erkrankung leidet wie an dem überbordenden Gefühl der Heimatlosigkeit: „Wenn man mich fragt, woher ich bin, weiß ich nie, was ich antworten soll, wie das Gestammel eines Stotterers, der versucht, ein Wort herauszubringen, und erschöpft aufgibt.“
„Trag das Feuer weiter“ ist ein hoch politischer Roman, der dennoch von den disparaten Gefühlen der Figuren getragen wird, die zwischen ihren eigenen Idealen und dem marokkanischen Alltag beinahe zerrieben werden, zumal Mia auch ihre Homosexualität unterdrücken muss.
Als „Archäologie meiner selbst“ hat Leïla Slimani ihre nun beendete Romantrilogie über die marokkanische Familie Belhaj bezeichnet. Dieser stark autobiografische Erzählkosmos reicht weit über die opulente Familiengeschichte hinaus und kreist um die Kardinalthemen Heimat und Fremde. „Mein Vater gab sich als etwas aus, das er nicht war, und genau wie er bin ich mein eigener Fälscher geworden, die schlechte Kopie eines großen Gemäldes“, resümiert Mia auf der letzten Seite des Romans, der uns ungeschönt mit einem Land „im Klammergriff zwischen dem Hass der Islamisten und der Ignoranz des Westens“ konfrontiert.
Kein Schönwetter-Roman, sondern eher ein Buch für lange, dunkle und kalte Wintertage – frösteln inklusive.
Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Verlag, München 2026, 444 Seiten, 26 Euro
Community:Peter Mohr aus Wattenscheid |

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