Fentanyl
Bochum sollte auf “Zombie-Droge” vorbereitet sein

Fentanylabhängige, Vancouver | Foto: Ted McGrath

Verwahrlost ausschauende Menschen irren wie Zombies durch die Straßen, verharren Minuten lang tief gebeugt mitten auf dem Gehweg. In nordamerikanischen Großstädten mittlerweile ein übliches Bild, droht die durch Fentanyl verursachte Opiodkrise jetzt auch nach Deutschland überzuschwappen. Wie groß ist das Risiko und was kann Bochum vorbeugend tun?

Gerade erst warnt die Stadt Dortmund vor Fentanyl und fordert ein Frühwarnsystem (Viel stärker als Heroin: Stadt Dortmund warnt vor Fentanyl). Es besteht die akute Befürchtung, dass Fentanyl wie in Nordamerika Drogen wie Heroin und Kokain ersetzt, mit fatalen Folgen für die Abhängigen und die Stadt. Auch Köln ergreift jetzt Maßnahmen, um Menschen vor der gefährlichen Droge zu schützen („Zombie-Droge“ in Köln auf dem Vormarsch – jetzt ergreift die Stadt).

Warum ist Fentanyl eine Gefahr?

Doch was macht die Droge so gefährlich? Für die Antwort muss man nach Nordamerika schauen, wo Fentanyl fast alle anderen Opiode verdrängt hat. 70.000 Menschen sind in den USA 2021 an einer Fentanyl-Überdosis gestorben („Zombie-Droge“ verunsichert Berliner Partyszene - so gefährlich ist Fentanyl). 2-3 mg Fentanyl sind bereits tödlich. Fentanyl wirkt 50-100x mal stärker als Heroin. Es wird bekannten Drogen beigemischt, ohne dass die Konsumenten es bemerken. Die Gefahr einer Überdosierung ist extrem hoch, entsprechend hat sich die Zahl der Drogentoten in nordamerikanischen Städten in den letzten 20 Jahren verfünfacht. 

Hinzu kommt, Fentanyl ist deutlich billiger als andere Drogen, so kostet 1 kg Heroin 35.000 bis 45.000 Euro, 1 kg Fentanyl dagegen nur etwa 11.000 Euro. Eine typische Dosis Heroin in “Straßenqualität” liegt bei 100 mg, bei Fentanyl ist schon die Einnahme von 2-3 mg tödlich. Als synthetisches Opioid lässt es sich leicht produzieren, da zur Herstellung kein natürlicher Grundstoff wie Schlafmohn oder Kokablätter erforderlich sind. Darüber hinaus lässt sich Fentanyl, aufgrund der geringen Mengen, die man für einen Rausch benötigt, viel besser Schmuggeln. Aus einem kg Fentanyl lassen sich über 80.000 tödliche Dosen herstellen (Fentanyl - Ein Schmerzmittel wird zur Droge). Aufgrund der Stärke von Fentanyl, ist ein Entzug krasser, eine Behandlung von Fentanyl-Abhängigen in Krankenhäusern wegen anderer Erkrankungen kaum möglich.

"Drogen-Zombies" im Stadtbild

Doch nicht nur für die Abhängigen hat Fentanyl weit fatalere Folgen als jede andere Droge, sondern auch für die Städte und das Stadtbild. Beispiel Vancouver, Kanada: Eine boomende Stadt, eine reiche Stadt, in einem Land mit einem Gesundheitssystem, vergleichbar mit denen in Europa. Also keine verarmte US-Amerikanische Industriestadt wie Detroit oder Celveland. Mitten in Downtown (Innenstadt) spielen sich aus europäischer Sicht unfassbare apokalyptische Szenen ab. Hunderte zumeist Obdachlose Menschen laufen wie Zombies durch die Straßen. Verwahrlost ausschauende Abhängige wanken, ohne ihre Umgebung wahr zu nehmen auf viel befahrene Straßen, bewegen sich lautlos wie in Zombie-Filmen, teilweise gebeugt wie Quasimodo, bleiben plötzlich stehen und verharren für Minuten regungslos in der letzten Bewegung oder fallen um.

Fentanyl sorgt bei dauerhaftem Konsum dafür, dass Muskeln versteifen und nicht mehr richtig funktionieren. Häufig kommt es zu einem “Fentanyl fold”, einer Rundung der Wirbelsäule, die zu einem Buckel führt. Unkontrollierte Bewegungen führen zu Unfällen und Verletzungen, die kaum versorgt werden (können). Die Verletzungen verursachen bei stark Abhängigen mangels ausreichender Wundheilung große und tiefe, häufig infiziere Wunden mit abgestorbenem Gewebe.

Wenn solche Zustände selbst in viel kleinerem Ausmaß in den Innenstädten von Bochum oder Wattenscheid Einzug halten, würde das diesen ziemlich sicher den endgültigen Todesstoß versetzen.

Vorbeugung und Vorbereitung für den schlimmsten Fall

Bereitet sich die Stadt also nicht ausreichend auf das Aufkommen von Fentanyl vor, werden die Folgen verheerend sein. Doch die Stadt ist nicht hilflos. Es gibt Möglichkeiten der Vorbeugung und zur Eindämmung des Problems.

Eine wichtige ist flächendeckendes Drug-Checking. Vor dem Konsum zu prüfen, ob Fentanyl untergemischt wurde, kann lebensrettend sein, ist aber auch Voraussetzung dafür herauszufinden, wer Fentanyl in Verkehr bringt, um zu versuchen die entsprechenden Quellen vorbeugend auszutrocknen.

Tests müssen in Drogenkonsumräumen möglich sein. Zudem müssen auch Konsument*innen die Möglichkeit haben, Tests mit nach Hause nehmen zu können, um dort Testungen durchzuführen. Auch sollten Tests an Partylocations vorhanden sein. (Warum Prävention im Suchtbereich so wichtig ist). Drug-Checking muss, wie es bereits die Stadt Dortmund fordert, ein Regelangebot der Städte sein, das von Land oder Bund finanziert wird (Stadt behält Fentanyl-Verbreitung weiterhin im Blick).

Zur Prävention gehört zudem Aufklärung. Es muss ein Bewusstsein für die Gefahren von Fentanyl geweckt werden, damit möglichst viele Konsumenten ihre Drogen testen und eine möglichst hohe Achtsamkeit hinsichtlich Streckungen durch Fentanyl entsteht.

Das Gegenmittel

Auch gibt es ein schnell wirksames Gegenmittel zu Fentanyl: Naloxan. Dieses Mittel, das leicht als Nasenspray angewendet werden kann, hebt die Wirkungen von Heroin, Methadon, Fentanyl und anderen Opioiden teilweise oder ganz auf. Wird Naloxon bei einer Überdosierung gegeben, kommt die betroffene Person wieder zu Bewusstsein und atmet (Naloxan anwenden). Naloxan sollte also breit verfügbar sein, bei allen, die mit Fällen von Fentanyl-Überdosierungen in Kontakt kommen können.

Suchtprävention

Grundsätzlich bedarf es mehr Anstrengungen Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit vorzubeugen und Betroffenen frühzeitig zu helfen, damit sie wieder in einen geregelten Alltag zurück finden. Ursache von Suchterkrankungen sind sehr häufig psychische Erkrankungen. Auch hier bestehen also Ansatzpunkte möglichem Drogenkonsum vorzubeugen. Zudem sollten mehr Menschen in substitutionsgestützte Behandlungen kommen und sollte es stadtweit ausreichend gut erreichbare Drogenkonsumräume geben. Je weniger Menschen opiodabhängig sind, desto weniger werden potenziell abhängig von Fentanyl.

Wie groß ist die Gefahr einer Fentanylkrise in Bochum?

Zwar sind in Europa, Deutschland und Bochum ähnlich hohe Zahlen von Fentanylabhängigen wie in Nordamerika nicht zu befürchten, da es anders als in den USA keine übermäßige Verschreibung opioidhaltiger Schmerzmitteln gab, und es deshalb deutlich weniger Opiodabhängige gibt, die zu Fentanylabhängigen werden könnten, trotzdem ist das Problem auch in Bochum latent und eine Verfünffachung der Drogentoten pro Jahr wie in Nordamerika von zuletzt 13 (2022) und 25 (2021), auf 65-125 Toten sowie die damit verbundene Zahl von “Fentanyl-Zombies” auf den Straßen der Stadt wäre für Abhängige wie die Stadt eine Katastrophe.

Zwar erwartet das Landeskriminalamt NRW derzeit keine ausufernde Ausbreitung von Fentanyl, das könnte sich aber schnell ändern, wenn am Drogen-Schwarzmarkt ein Ausfall an Heroin kompensiert werden müsste, der sich aus der seit April 2022 reduzierten Opium-Produktion in Afghanistan ergeben könnte (LKA erwartet keine ausufernde Ausbreitung der Droge Fentanyl). Noch bleibt also Zeit sich auf das Problem einzustellen und Vorbeugungsmaßnahmen zu treffen. Diese Zeit, sollte die Stadt Bochum nutzen.

Die STADTGESTALTER

Autor:

Dr. Volker Steude aus Bochum

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