Nach Unglück in Bochumer Westpark
Lost Place ist kein Kinderspielplatz

Schilder wie dieses sollte man ernst nehmen. Denn gerade im Ruhrgebiet gibt es Schächte, die nicht kartografiert sind. Symbolbild.
  • Schilder wie dieses sollte man ernst nehmen. Denn gerade im Ruhrgebiet gibt es Schächte, die nicht kartografiert sind. Symbolbild.
  • Foto: Jenny Musall
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Nach dem Unglück mit tödlichem Ausgang im Bochumer Westpark stehen sogenannte „Lost Places“ erneut im Fokus. Dabei geht von diesen Orten eine große Gefahr aus. Jedoch sind einige Orte auch legal zu besichtigen.

Verlassene Orte üben eine Anziehungskraft aus, obwohl ihr Betreten verboten ist. Das wussten auch die drei Urban Explorer, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag in einen Schacht auf dem Gelände des Westparks geklettert sind. Kurz darauf kämpfte eine jung Frau um ihr Leben und verstarb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Der Unglücksort im Westpark ist schwer zugänglich

„Nach aktuellem Ermittlungsstand gibt es keinen Hinweis auf ein Fremdverschulden“, sagt Polizeisprecher Volker Schütte. Eine Obduktion solle Klarheit bringen, was im Körper der 22-Jährigen passiert ist. Bei dem Gelände des Westparks handelt es sich um ein sehr großes Gelände, was auch die Rettung der Verunglückten erschwert hatte.

„Die Rettung hatte lange gedauert“, so Schütte weiter. Denn die jungen Menschen kannten sich auf dem Gelände nicht aus, was eine Beschreibung des Unglücksortes erschwerte. Die Einsatzkräfte vor Ort konnten daher die Unglücksstelle nur schwer lokalisieren und nicht mit den Fahrzeugen direkt zur Stelle fahren.

Stadt Bochum sichert Gelände ab

Auch die Stadt Bochum als Eigentümerin der Fläche nimmt ihre Verkehrssicherung sehr ernst. „Leider haben wir in den letzten Jahren immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass sämtliche Sicherungsmaßnahmen diejenigen Personen, auf die solche Flächen eine besondere Anziehungskraft ausüben, nicht von ihren Vorhaben abbringen können“, erklärt Pressesprecherin Charlotte Meitler. Das Gelände werde regelmäßig von der Stadt kontrolliert, Beschädigungen dokumentiert und beseitigt.

Ein weiteres Problem sind die Altlasten sowie Gase, die sich unterirdisch befinden. So sind Bahnschwellen, die oftmals auf dem Weg zu finden sind, mit für den Menschen schädlichen Substanzen versiegelt, um das Holz vor Schädlingen und Wettereinflüssen zu schützen. „Selbst heutige Imprägnierstoffe sind für den Menschen immer noch giftig – auch wenn sie nicht mehr ganz so schlimm sind, wie früher“, erklärt Wilfried Maehler vom Verein Bochumer Bunker e.V.

Altlasten auf dem ganzen Gelände des Westpark

In den Kabelschächten können sich ebenfalls Alt- und Brennöle aus den 1940er Jahren befinden, die ebenfalls hochgiftig sind. Dazu ist bekannt, dass die Luftqualität unter dem Westpark sehr schlecht ist. „CO² ist da noch die harmlose Variante“, weiß Maehler. Mit nur noch 19% Sauerstoff habe man am nächsten Tag nur ein wenig Kopfschmerzen. Je weniger Sauerstoff vorhanden ist, umso schlimmer können die Folgen sein.

Unter dem Brachgelände im Westpark gibt es ebenfalls in der Luft und in den zurückgelassenen Gegenständen Nervengifte, bei denen Lunge, Blut – und Nervenkreislauf zusammenbrechen können. „Aber ich bin kein Arzt“, sagt Maehler weiter: „Wir gehen da nicht rein.“ Wenn sie doch rein müssen, dann nur mit entsprechender Schutzausrüstung und einer Wachperson, die im schlimmsten Fall schnell Hilfe holen kann.

Urbexer haben einen Codex

Er könne es daher nicht verstehen, dass „Urban Explorer“ sich freiwillig in Gefahr begeben. „Einige Urbex-Youtuber haben kriminelle Energien“, so Maehler weiter.
Auch Urbx-Fotograf Olaf Rauch kennt das Problem. Auf seinen Touren habe er schon einiges erlebt: „Viele der jüngeren Genration kennen den Codex nicht mehr. Das ist ein Problem“, erzählt Rauch.

Spricht ein Urbexer der alten Generation von dem Codex heißt der „Nichts kaputt machen, nichts klauen und nicht einbrechen“. Auch bemängelt Rauch den Umgang mit Adressen von angesagten Orten, die oftmals in Sozialen Netzwerken getauscht werden. Er selbst gibt keine Adressen weiter, um die Orte des natürlichen Verfalls zu schützen. „Ich suche mir meine Orte selbst raus“, so Rauch weiter.

Keine Rausgabe von Lost Places

Ihn interessiere die Geschichte hinter den verlassenen Orten und das Recherchieren mache ebenfalls Spaß. Auch die vielen Bilder, die bei Facebook, Instagram und Co geteilt werden, sehen oftmals gleich aus. „Da will ich schon das Besondere herauskitzeln“, so der UrbExpo-Initiator. Das sei er den Ausstellungsbesuchern schuldig. Verstehen kann Rauch nicht, dass gerade junge Menschen nicht auf ihr Gefühl hören, wenn etwas zu gefährlich werde oder alleine auf Tour gehen. „Ich kenne meine Grenzen und überschreite diese nicht.“

Dass sich Urban Explorer am Rande der Legalität bewegen, ist auch Rauch klar. Er selbst ist bereits einige Male erwischt worden, aber eine Anzeige hat es nie gegeben. „Die meisten Eigentümer tolerieren es, so lange man sich vernünftig verhält und man ihnen erklärt, was man vor hat und sich benimmt.“

Verlassene Orte oder Lost Places sind kein Kinderspielplatz und das Gelände unter dem Westpark ist ein absolutes Tabu, da sind sich alle einig.

Autor:

Jenny Musall aus Bochum

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