Im Armenhaus Europas
Wie Lambert Lütkenhorst den Ausbruch der Corona-Krise in Rumänien erlebte

Wenn die Eltern beispielsweise als Erntehelfer in Deutschland oder einem anderen Land Arbeiten, bleiben die Kinder oft alleine zu Hause.
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  • Wenn die Eltern beispielsweise als Erntehelfer in Deutschland oder einem anderen Land Arbeiten, bleiben die Kinder oft alleine zu Hause.
  • Foto: Lambert Lütkenhorst
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Der Dorstener Altbürgermeister Lambert Lütkenhorst war Anfang März in Rumänien, um für sein Hilfsprojekt TransSilvania e.V. zu arbeiten. Das Land, das als Armenhaus Europas bezeichnet werden kann, hat stark mit der Corona-Krise zu kämpfen. Lambert Lütkenhorst erlebte den Ausbruch der Virus-Infektion hautnah in einem Land, dessen Gesundheitssystem sich auch ohne Virus in der Krise befindet. Für den Stadtspiegel schildert er seine Erfahrungen in einem ganz persönlichen Bericht:

Es ist Sonntagmorgen, der 8. März. Ich sitze im Flugzeug von Dortmund nach Tirgu Mures in Rumänien. Dringende Gespräche mit unseren langjährigen Projektpartnern vom Verein NOWERO bei einem Notar. Es geht um die Zukunft unserer Hilfsprojekte, die wir vom Verein TransSilvania seit über 25 Jahren in Rupea unterstützen.

Der Flieger hebt ab. Pünktlich beginnt der Bordservice. Eine Flugbegleiterin trägt einen Mundschutz. Mein rumänischer Sitznachbar macht sich hörbar lächerlich und will wissen, was los ist. Kein Schimmer von Corona. Blödmann, denke ich…

Landung. Das übliche Gedränge am Gepäckband, kein Abstand, keine Anzeichen von Corona-Vorsorge. Dann, nach zwei Stunden Autofahrt angekommen. Es ist eigentlich wie immer. Am anderen Morgen: Viele Menschen auf der Straße, der Wochenmarkt öffnet. Keine Abstandswarnung. Business as usual. Dabei ist schon seit Februar bekannt, dass Corona auch in Rumänien angekommen ist. Die Reaktionen sind oft ein mitleidiges Achselzucken. Die Stadt sei frei von Corona. Dabei sind gerade viele rumänische Frauen und Männer zurück sind aus Italien, geflohen von ihrer Arbeit und vor dem Virus. In Rupea sollen es über 200 sein, nicht registriert, nicht getestet, nicht isoliert. Niemand weiß wie hoch die Durchseuchung bereits ist und wer daran gestorben ist. Denn die meisten sterben zu Hause.

Ich spreche mit Ion. Er ist einer der Rückkehrer und hat Angst. "In Modena sind schon viele gestorben. Deshalb bin ich weg". Aber eigentlich ist er schon wieder auf dem Weg nach Deutschland. Die Spargelernte lockt. Bei einem gesetzlich geregelten Mindestlohn von umgerechnet 2,90 Euro je Stunde in Rumänien ist Deutschland für viele Menschen ein lohnendes Ziel. Ion sagt: "Ohne Arbeit in Deutschland kann ich meine Familie mit drei Kindern und den Großeltern nicht richtig ernähren. Und ich bin dort krankenversichert. Und ich fühle mich in Deutschland in dieser Corona Kriese sicherer." Das Problem: Viele Kinder leben allein, während die Eltern im Ausland arbeiten. 

In der Tat. Das Gesundheitswesen in Rumänien ist krank. Krank an Korruption, Misswirtschaft und fehlender Gesundheitsvorsorge. Was die Gesundheitsvorsorge angeht, belegt Rumänien den letzten Platz in der EU. Wer in Rumänien zum Arzt geht, hat – das ist die offizielle Version – Anspruch auf Medizin und ärztliche Behandlung. Aber oft geht ohne "Bezahlung unter dem Tisch" garnichts. Das ist die bittere Realität für die Menschen dort und insbesondere für diejenigen, die abseits der Städte in erbärmlichen Zuständen leben müssen. Alte Menschen und Kinder haben kaum eine Chance – und das mitten in Europa.

Tausende Ärztinnen und und Ärzte sowie die ungezählten Pflegekräfte und Krankenschwestern haben das Land in den letzten Jahren verlassen. Und sie fehlen dort zur Versorgung der Menschen. Ein Exodus sondergleichen. Zwar hat die Regierung die Löhne im Gesundheitssektor deutlich erhöht, aber die Lage in den öffentlichen Krankenhäusern und in den Altenheimen ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen untragbar.

Karl Hellwig und seine Mitarbeiter von NOWERO versuchen vor Ort zu helfen, wo es geht. Essen auf Rädern läuft unter hoher Achtsamkeit weiter. Aber in Corona-Zeiten ist vieles unmöglich geworden. Im Krankenhaus in Rupea fehlt es an allem. Es gibt nur noch drei Ärzte, die sich sehr stark zum Wohle der Menschen engagieren.

Die Ausstattung der Stationen ist schlecht, gerade jetzt in der Corona-Krise – kaum Beatmungsgeräte, fehlende Intensiv-Medikamente und Intensiv-Betten. Und heute? Breit angelegte Corona-Tests? Fehlanzeige.

Es gab bisher nur fünf Corona Teststellen in ganz Rumänien. Bis zum 29. März sollte es insgesamt elf  geben. Wer sich testen lassen will, muss 60 km weit in die nächste Kreisstadt nach Braşov fahren. Wie man dahin kommt? Wer das bezahlt? Unbeantwortete Fragen. Viele Verdachtsfälle bleiben einfach zu Hause.

Auch von ausreichend Schutzmasken und Schutzkleidung kann man nur träumen. Gut, dass es dort die Firma RMC Schürholz aus Dorsten gibt. Eigentlich beschäftigen sie sich bei RMC seit über 20 Jahren als größter Arbeitgeber in der Umgebung mit Teppichen.

Henner Schürholz aus Dorsten und seine Mitarbeiter haben das Problem erkannt und schnell gehandelt. RMC produziert nun Schutzmasken und Kittel und stellt sie kostenlos für das Krankenhaus, das Altenheim, ein Kinderheim und die Mitarbeiter seiner Firma zur Verfügung.

"Wir nähen jetzt bei RMC extrem viel Masken und Schutzkleidung für die Bevölkerung. Es gibt sonst keine. Und wir helfen wo wir können", so Henner Schürholz. "Die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden haben im Schnitt ca. 250 Masken bestellt. Wir könnten noch viel mehr nähen und Überstunden machen. Die Bevölkerung von Rupea und den Dörfern wartet händeringend auf unsere Masken. Wir dürfen aber nicht am Samstag arbeiten, weil laut Arbeitsgesetzt die Firmen nur fünf Tage in der Woche zu insgesamt 40 Stunden arbeiten dürfen. Und gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation, wo wir mehr produzieren könnten, bekommen wir keinerlei Unterstützung durch die Behörden. Im Gegenteil. Sie kommen regelmäßig in den Betrieb und kontrollieren." Verrückte Bürokratie.

Es ist Donnerstag, 12. März. Ich bin wieder zuhause. Nachdem unser Rückflug gestrichen wurde, hatten wir Glück, dass wir einen Firmenwagen RMC Schürholz nutzen durften. Der steht nun an der Marienstraße in Dorsten und hat genauso wie wir die 19-stündige und 2.000 km lange Nachtrückfahrt kurz vor Schließung der Grenzen gut überstanden.

Und ich bin dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem das Gesundheitssystem – bei allen Schwächen, die es natürlich auch gibt – immer noch gut funktioniert. In dem ich noch meinen Hausarzt habe, dem ich vertrauen kann und der für seine Patienten da ist. Und ich bin sauer über die Krakeler und Meckerer, die alles besser wissen und nichts tun. Die alles kaputt reden und meinen auf Kosten anderer leben zu können. Schaut Euch um in dieser Welt und werdet endlich dankbar.

Heute habe ich dann wieder mit unserem Freund Karl Hellwig telefoniert. Er meint, die Behörden hätten endlich verstanden. Aber viel zu spät. Sicher drei Wochen hinter allen anderen europäischen Ländern.

Die Anzahl der Infizierten steigt dramatisch, 25 Menschen sind schon gestorben. Die Polizei ist auf der Straße. In den großen Städten sind Soldaten in Geländewagen unterwegs. Sie kontrollieren das absolute Ausgangsverbot. Nur noch Besuche beim Arzt, dringende Einkäufe und der Weg zur Arbeit. Und Menschen über 65 Jahre dürfen nur noch zwischen 11 und 13 Uhr die Wohnung verlassen. Unser Karl gehört zu ihnen.

Auch ja, Karl sagt dann noch, dass Ion nicht mehr in Rupea ist. Vermutlich gerade noch über die Grenze gekommen. Der Spargel wartet. Hoffentlich in Deutschland getestet und ganz ohne Corona.

Text: Lambert Lütkenhorst

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Autor:

Olaf Hellenkamp aus Dorsten

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