„Wir sind alle Tänzer unseres Lebens“

Felerleicht aussehende Sprünge erfordern von Balletttänzern knallhartes langes Training.
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  • Foto: Schmitz
  • hochgeladen von Antje Geiß

Jedes Jahr bewerben sich über 4000 junge, bereits ausgebildete Tänzer aus aller Welt beim Ballett Dortmund auf eine der sechs Eleven-Stellen, so werden die Tänzer im ersten Profijahr genannt.Die Bretter, die ihnen die Welt bedeuten, erfordern hartes Hochleistungstraining, Selbstdisziplin und vor allem eins: Hingabe.

von Steffen Korthals
Mehr an Schule oder ein Sportzentrum erinnern die Gänge, Garderoben und der Ballettsaal im Opernhaus. Aula statt Scala, Funktionalität statt Glamour. Mit dem Bild einer glitzernden Ballettwelt hat der Trainings-alltag des Ballett-Ensembles wenig zu tun. Leidenschaft und Anmut sind hingegen überall präsent.
Man kann sie sehen, spüren, riechen, wenn man die Tänzer beim Training erlebt. Ihre Körper wirbeln durch die warm-schwitzige Luft, während ein Pianist am Flügel und der Assistent des Balletmeisters, Nicolas Robillard, Takt und Tanzfiguren vorgeben.

Kunst trifft auf Hochleistungssport

Die Sprache ist Französisch und Englisch, die Stimmung trotz aller Konzentration gelassen, die Ballettprofis lässig gekleidet. Das Keuchen der Tänzer und der stampfende Boden unter den sich scheinbar schwerelos versammelnden und flugs wieder auseinanderstiebenden Körpern machen gewahr, dass beim Ballett Kunst auf Hochleistungssport trifft und professioneller Tanz ein hartes, aber auch faszinierendes Metier ist – von dem junge Menschen auf der ganzen Welt träumen.

Tanzvirtuosen aus 21 Nationen

Die Tanzvirtuosen beim Ballett Dortmund kommen aus über 21 Nationen. Ein Engagement am renommierten Haus ist international gefragt und gilt als eine besondere Auszeichnung. Zudem sind Arbeitsbedingungen, Verdienst und soziale Absicherung für viele Tänzer wesentlich besser als in anderen Ländern oder in der freien Szene.
Shirley-Cordula Meissner und Francesco Nigro haben es geschafft. Sie sind zwei der Eleven, also der Balletttänzer im ersten Profijahr, die einen Jahresvertag an der Oper erhalten haben. Sie trainieren täglich mit 25 Tanz-Assen die technischen Tanzaspekte, dann folgt noch eine Probe pro Tag mit künstlerischem Schwerpunkt sowie eine Aufführung pro Woche: fertig ist der Alltag mit meist sechs, manchmal sieben Arbeitstagen allwöchentlich.

Eleven schätzen Repertoire und Stilmix

Von den Mühen der Arbeit zeugen nur wenige Schweißperlen als die Deutschamerikanerin und der Italiener kurz Pause machen dürfen. Die Gesichter der beiden Jungtänzer strahlen: „Wir freuen uns, dass wir bis jetzt bei allen Produktionen eingesetzt worden sind. Das ist nicht selbstverständlich“, weiß Shirley-Cordula zu berichten. „Und das wir mit den Profis jetzt zusammen tanzen dürfen, ist das Größte“, ergänzt Francesco. Am Dortmunder Ballett schätzen die beiden 21-Jährigen das Repertoire sowie den Stilmix aus Klassik und Moderne.

Heute sind Shirley und Francesco ein Paar

Mit den anderen Tänzern der Compagnie wurde der Kontakt seit Anfang der Saison schnell enger. Shirley-Cordula und Francesco sind ein Paar geworden, arbeiten und leben zusammen. In ihrer Freizeit gehen die beiden in ein Fitnessstudio – zum Ausgleich und weiteren Training der Muskulatur. Privates und Berufliches durchmischen sich schnell bei einem Job, der mehr eine Berufung ist sowie ein außerordentlich hohes Maß an Liebe zur Kunst erfordert.
Ihr Traum ist das Tanzen, betonen beide Eleven. „Dafür brauchst du Leidenschaft und Glaube“, brennt Francesco. „Und die Faszination daran, dass der Tanz nie vollendet ist, immer weiter gehen wird“, sagt Shirley-Cordula.

Nachwuchstänzer rennen die Tür ein

21 Tänzer hat die Compagnie sowie sechs Eleven. „Nachwuchstänzer rennen uns die Türen ein und kommen meist aus den USA, Asien, England, Osteuropa und Südamerika. Dortmund wird in der Welt als Ballet-Metropole gesehen“, umreißt Tobias Ehinger als Manager des Balletts die Reverenz des Hauses.
Seit Jahren liegt man über den Einkommenserwartungen, die Dortmunder Produktionen werden in der Fachwelt und vom Publikum gefeiert. Kooperationen mit Künstlern und Häusern in New York, Paris, Hong Kong und Moskau sind üblich, die Ballett-Legende Dmitry Semionov konnte als fester Gasttänzer gewonnen werden, Superstar William Forsythe kooperiert regelmäßig mit dem Dortmunder Ballett und Choreografien von Benjamin Millepied, dem kommenden Tanzdirektor des Pariser Balletts und Mann von Natalie Portman, sind für 2015 in Arbeit.

Ballettkarriere fordert Selbstdisziplin

Neben Honneurs und der Erfüllung im künstlerischen Ausdruck gehört auch Selbstdisziplin zur Ballettkarriere. „Der Lebenswandel muss sich dem Tanz anpassen. Wurzeln zu schlagen ist in der kurzen Zeit, in der Tanzen auf hohem Niveau machbar ist, kaum möglich“, sagt Manager Ehinger und zieht eine Parallele zum Leistungssport: „Je nach Anforderung in der Saison sind das Training und die Proben auch mal intensiver und länger. Die Tänzer werden dabei von Osteopathen und Physiotherapeuten begleitetet“.

Der Traum: In Dortmund Fuß fassen

Auch wenn es dem Tanz in Dortmund gut zu gehen und das Einkommen der Tänzer gesichert scheint, mahnt Ehinger, dass „Tanz die kleinste Lobby hat und seit der Wende immerhin 45 Prozent aller Tanzstellen in Deutschland abgebaut wurden“.
Ihren Platz im Ensemble zu behalten und in Dortmund Fuß zu fassen, dass erträumen sich Shirley-Cordula und Francesco. Bis dahin arbeiten die beiden Tänzer an Körperhaltungen, Sprüngen, Schritten, erlernen mehrere Choreografien und Positionen falls ein anderer Tänzer ausfällt, schweben leichtfüßig und strahlend über das Parkett. Im Hinterkopf die Worte des Ballettdirektors Xin Pen Wang: „Wir sind alle Tänzer unseres Lebens“.

Zum Hintergrund:

Jahresverträge sind in der Ballettbranche üblich, eine Übernahme oder langfristige Verträge, wie im Opernbereich, eher die Ausnahmee.
Das Ballett Dortmund zeigt sich in seiner Besetzung relativ konstant, das Interesse gute Tänzer zu halten ist hoch, um den weltweiten Ruf zu festigen.
So wurde etwa Jacqueline Bâby nach ihrem Engagement als Elevin in der vergangenen Spielzeit ins feste Ensemble übernommen.

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