"Bücher gehören doch irgendwie zur Grundversorgung"

Proust: Beate Scherzer bereitet Lieferungen zur Abholung vor.
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Trotzdem mussten auch die Essener Buchhandlungen ihre Türen schließen. Gerade beim Schmökerkauf schätzen viele Kundinnen und Kunden oft persönlichen Kontakt und direkte Beratung. Wie stellt sich der Buchhandel in der Ruhrmetropole auf die Corona-Beschränkungen ein? Der Stadtspiegel hat bei dreien nachgefragt; die Interviews führte Stefanie Alteheld mit sicherem Abstand telefonisch.

"Die Solidarität der Kunden hat uns völlig umgehauen"

Beate Scherzer, Mitinhaberin von Proust Wörter + Töne in der Essener City zeigt sich gerührt von der Unterstützung aus Kundschaft und Bevölkerung: "Die Kunden bestellen richtig viel, weil sie wollen, dass es uns nach der Krise auch noch gibt. Gerade in den ersten Tagen nach der Schließung hat uns völlig umgehauen, wie solidarisch die Leute sind. Manchmal hat es uns Tränen in die Augen getrieben, welche Angebote da gemacht wurden - beispielsweise Anteile zu kaufen. Das ist ein unglaublicher Ansporn für uns, unser Letztes zu geben."

Diese Aufmunterung kann das kleine Team auch gut gebrauchen, denn die logistischen Herausforderungen, die sich von einem Tag auf den anderen durch die Umstellung auf Belieferung ergeben, sind enorm. Die Büchermenschen bringen die telefonisch oder per Email bestellten Bücher im gesamten Essener Stadtgebiet mit den eigenen Autos in ihr neues Zuhause. Dabei müssen die Routen sorgfältig geplant werden, wenn entlegenere Stadtteile beliefert werden sollen (wo liegt noch mal Burgaltendorf?).

Scherzer arrangiert sich mit der neuen Situation, sieht aber als wesentlichen Nachteil den Verlust des persönlichen Kontaktes: "Unser Laden lebt davon, dass Leute hier hereinkommen und wir miteinander sprechen. Ganz viele vermissen es auch, in unserer Kaffeebar Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Das geht online nicht." Ebenso wenig lässt sich die besondere Atmosphäre des Geschäftes, das mehrfach mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet wurde, ins Internet verlagern.

Für telefonische Beratung bleibt gerade leider wenig Zeit; dafür wird alle 2 Tage ein Newsletter mit aktuellen Empfehlungen versandt, die dann in Bestellungen auch gerne aufgegriffen werden. Scherzer schwärmt von der guten Informationspolitik durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dessen Landesverband täglich per Mail die neuesten Bestimmungen mitteilt: "Großartig, dass sich unser Berufsverband so um die Buchhandlungen kümmert!" Für die nächsten Wochen wünscht sie sich, dass manche rigiden Regelungen gelockert werden. Könnte das eine oder andere Buch einfach durchs Gitter an Kundinnen und Kunden herausgereicht werden, die in der Innenstadt abholen wollen, ersparte das manche Fahrt. Denn gerade damit stoßen kleine Buchhandlungen, die nicht über ein Heer an Auslieferern gebieten wie so mancher marktmächtige Online-Händler, an die Grenzen ihrer Kapazität. Scherzer blickt für Proust optimistisch in die Zukunft: "Wenn es ungefähr so weiterläuft wie bisher, brauchen wir keine staatlichen Hilfen. Wir sind froh, wenn wir wie bisher unsere kleinen Gehälter und die Miete zahlen können. Mit staatlicher Hilfe könnte man eher die freie Kulturszene unterstützen - unbekanntere Autorinnen und Autoren, Comedians, Theatermenschen."

"Bücher gehören doch irgendwie zur Grundversorgung"

Auch Susanne Böckler, Inhaberin von "Alex liest Agatha" in Rüttenscheid, fühlt sich vom Börsenverein gut unterstützt. So werden beispielsweise Webinare angeboten, in denen Buchhändlerinnen und Buchhändler sich weiterbilden können, wie sie ihre Ware auch online präsentieren. Durch die unklare Kommunikation, welche Bestimmungen nun wo genau und für wen gelten und durch verschiedene Linien zwischen Landesregierung und Essener Stadtverwaltung sah sich Böckler nämlich quasi über Nacht in der Situation, ihre Bücher auf Facebook zu präsentieren. Ungewohnt, wenn der Schwerpunkt bisher auf Beratung und Verkauf im Laden lag - und die atmosphärische Ausstattung eher an eine gemütliche Altbauwohnung erinnert als ein Geschäft. So etwas lässt sich nur schwerlich ins Internet übertragen.

Böckler freut sich deshalb besonders über zahlreiche Bestellungen von unterstützungswilliger Kundschaft. Gefühlt seien 97 % neue Kundinnen und Kunden hinzugekommen. Vor Corona wurden die Bücher gelegentlich online bestellt, aber im Regelfall im Laden abgeholt. Inzwischen beliefert Böckler das ganze Stadtgebiet und bringt teilweise Bücher von treugebliebener Stammkundschaft aus Rüttenscheid in weiter entfernte Kieze. Einzelne aus der Kundschaft haben der Buchhändlerin, die ihren Laden alleine, allerdings mit Unterstützung durch den literarischen Labrador Anton stemmt, sogar angeboten, für sie Ware auszuliefern. Es gibt aber natürlich auch andere, so Böckler: "Manche erwarten jetzt teilweise den gleichen Service wie bei Amazon Prime, dass Bücher in ganz kurzer Zeit bis zu einem bestimmten Zeitpunkt geliefert werden. Kleine Buchhandlungen können das aber überhaupt nicht leisten."

Sie könne feststellen, sagt Böckler, dass mehr Kinderbücher als zuvor verkauft würden, weil die Kleinen jetzt eben zu Hause beschäftigt werden müssen. Überhaupt sei zu merken, dass die Leute jetzt auch wieder Zeit zum Lesen haben, wofür im normalen Alltag kaum Raum sei. Die Buchhändlerin präsentiert ihre Bücher jetzt sichtbarer in den Fenstern und auch auf Sesseln und Tischen im Laden, die man vom Fenster aus einsehen kann. Denn wenn die persönliche Beratung im Geschäft wegfällt, muss eben eine deutlichere visuelle Einladung ausgesprochen werden.

Böckler lobt die unbürokratischen und einfach gehandhabten Soforthilfen durch das Land NRW. Im Kontakt mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern aus anderen Bundesländern habe sie es hier in dieser Hinsicht deutlich besser. Ihre Botschaft: "Hoffentlich werden nach der Krise nicht wieder Bücher bei Amazon bestellt. Und - Lesen hilft!"

"Die Holsterhauser sind superklasse!"

Natalie Stember betreibt die im November 2019 frisch eröffnete Buchhandlung Durchblick in Holsterhausen mit Fokus auf Kinder- und Jugendliteratur. An den letzten beiden Tagen vor der Corona-Schließung kam besonders viel Kundschaft, "alle wollten sich nochmal richtig eindecken", erzählt Stember. Glücklicherweise sind Bücher ja nicht rationiert, so dass hier gehamstert werden darf. Leider konnten die Fragen, wie es mit dem Laden weitergehe, nicht beantwortet werden, weil auch die Inhaberin selber nicht wusste, wie sich die künftige Entwicklung gestaltet.

Auch Stember kann auf treue Kundinnen und Kunden bauen, obwohl das Geschäft noch nicht so lange besteht: "Die Holsterhauser sind superklasse! Ich werde toll unterstützt, jeder ist verständnisvoll, die Leute akzeptieren längere Lieferzeiten und dass man nicht mehr im Laden stöbern kann. Ich bin auch sehr froh, dass die Leute so zuverlässig sind - ich liefere auf Rechnung und bekomme mein Geld. Das funktioniert sehr gut."

Durch die Umstellung hat sich der Arbeitstag der Buchhändlerin deutlich verlängert, bis in die Nacht hinein werden Rechnungen geschrieben. Eine weitere Herausforderung ist die Beratung zu Erwachsenenliteratur, nicht der Schwerpunkt des Geschäftes. Beratung findet jetzt per Email statt, selten auch telefonisch - dafür reicht die Zeit leider nur noch selten. Am 15. April entscheidet die Landesregierung, ob die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung verlängert werden. Für diesen Fall plant Stember verstärkt Aktionen auf ihrer Website, beispielsweise Vorlesen. Handfeste Veranstaltungen für die Kinder wie Wald- und Osterfest mussten leider ausfallen. Trotzdem gibt es bei Durchblick Grund zur Freude für die Kleinen: In den Schaufenstern sind Ostereier versteckt. Wer richtig zählt und das Ergebnis an Stember schickt, erhält eine kleine Überraschung. So schafft sie kontaktlos Freude - und erleichtert Kindern eine schwierige und schwer zu erklärende Zeit.

Insgesamt zieht die Durchblick-Chefin ein positives Fazit: "Ich habe einen tollen Laden, tolle Kunden. Ich hätte auch richtig Pech haben können, wenn alles komplett stillgelegt worden wäre." Die Soforthilfen des Landes bewertet sie sehr positiv - so könne schnell geholfen werden, wenn jemand in Not gerate. Und auch Stember wünscht sich Klarheit in den Regelungen: "Ich sehe keinen Unterschied, ob ich jemandem vor die Haustür liefere oder ein Kunde eine Lieferung vor meiner Ladentür kontaktlos abholt."

Die Gespräche haben eines deutlich gezeigt: Von Solidarität profitieren wir alle, und mit dem eigenen Geldbeutel können wir im Rahmen unserer Möglichkeiten mitbestimmen, welche Geschäfte es auch nach Corona noch geben wird. Buchhandlungen in Ihrer räumlichen Nähe finden Sie auf www.genialokal.de. Eine Übersicht zum lokalen Einzelhandel, den Sie unterstützen können, gibt es auf www.essenhaeltzusammen.de. #supportyourlocaldealer

Autor:

Stefanie Alteheld aus Essen

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