Elterntreff: Sprechen Sie mit Ihrem Kind - aber was soll ich sagen?

Wie kommuniziere ich mit meinem Baby oder Kleinkind? Wie bekomme ich überhaupt einen Kontakt zu meinem Kind, wenn es noch gar keine Worte bilden kann? „Sprechen“ kann es trotzdem schon – man muss das aber verstehen! Doch wie geht das? Diesen Fragen widmete sich Lisa Wich vom Eltern-Kind-Zentrum Krabbelbude. Seit vielen Jahren ist die Expertin unter anderem mit diesem Thema unterwegs und macht zunächst auf eine Kampagne aufmerksam, die schon 2016 hohe Wellen schlug, aber zwei Jahre später nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

Gemeint ist die Kampagne „Sprechen Sie mit Ihrem Kind“, die mit Postkarten, Flyern und Poster 2016 darauf aufmerksam machte, wie wichtig die interaktive Kommunikation mit dem Baby/Kleinkind ist. Dabei sollten sich Eltern nicht ständig von ihrem Smartphone ablenken lassen. Das nämlich war den Experten aufgefallen, dass die technischen Alleskönner verstärkt als Beruhigungsmittel eingesetzt werden, aber eben auch viel Zeit der Eltern beanspruchen, die sie von den Signalen, die ihnen ihr Kind gibt, ablenken. Lisa Wich gibt ein Beispiel. „Wenn ein Elternteil mit seinem Kind auf dem Spielplatz ist und das Kind hat etwas entdeckt und versucht, dies über Töne dem Erwachsenen mitzuteilen, wird dieser nicht reagieren, wenn er mit dem Smartphone beschäftigt ist. Daraus lernt das Kind, es muss möglicherweise brüllen, um sich mitzuteilen. Vielleicht lernt es daraus aber auch, dass es sich nicht lohnt, irgendetwas mitteilen zu wollen und verstummt. Um diese Kinder müssen wir uns besondere Sorgen machen.“
Die Expertin, die sich seit über zwanzig Jahren mit Babys und Kleinkindern beschäftigt, weiß, wie wichtig Interaktion zwischen dem Erwachsenen und den Kindern ist. „Wenn ein Kind geboren wurde, verändern wir unser Verhalten eigentlich intuitiv. Unsere Stimme wird höher, wenn wir das Baby ansprechen, Wir machen große Augen, wir verändern unsere Mimik und nähern uns dem Baby an, damit es uns optimal erkennen kann. So sollte es sein. Doch es gibt Störungen, die diesen Prozess brechen. Eltern, die nicht gut auf ihr Kind hören, werden erleben, dass das Kind dadurch lernt, es müsse möglichst laut brüllen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder es lernt, dass es sich nicht lohnt, zu kommunizieren und hört auf, sich mitzuteilen.“

Direkte Ansprache mit Blickkontakt

Babys und Kleinkinder brauchen die direkte Ansprache mit persönlichem Blickkontakt. Selbst im Erwachsenenalter empfinden wir es als unangenehm, wenn wir mit jemandem sprechen, der ständig in eine andere Richtung schaut oder sich mit seinem Smartphone beschäftigt.
Babys und Kleinkinder müssen erst lernen, dass es sich lohnt, durch Töne etwas mitzuteilen. Der Erwachsene reagiert darauf, nimmt diese Töne auf und signalisiert dem Kind, dass er weiß, was es möchte und seine Bedürfnisse ernst nimmt. Er ahmt die Töne des Babys nach („Spiegeln“) und das macht nicht nur Spaß, sondern fördert auch die erste Kommunikation zwischen Mutter/Vater und dem Kind.
Mit mehreren Filmen über Kommunikation zwischen einem Erwachsenen und einem Baby/Kleinkind in unterschiedlichen Situationen macht sie dies deutlich: beispielsweise in einer Spielsituation oder beim Wickeln. Die Mutter bezieht das Kind in die Situation mit ein, erklärt die einzelnen Schritte, die sie unternimmt, benennt Körperteile und sorgt mit Spaß nicht nur für eine angenehme Atmosphäre, sondern bietet dem Kind das (lebens)notwendige „soziale Futter“.
Dahinter verbirgt sich der Fachbegriff „Marte Meo“, bedeutet „aus eigener Kraft“. Die Begründerin Maria Aarts hat damit eine Video-Aufzeichnungsmethode von Alltagssituationen geschaffen, mit deren Hilfe Eltern praktische Tipps im Umgang mit ihren Babys und Kleinkindern gegeben werden. Übrigens genießt diese Video-Methode auch im Umgang mit dementen Menschen mittlerweile Anerkennung.
Wie ein roter Faden zieht sich an diesem Abend die Bitte der Expertin, dem Kind Hilfe und Unterstützung zu geben, ihm aber nicht die Aufgabe abzunehmen. „Wenn das Kind zu einem Kuscheltier robben will, geben Sie ihm Hilfe. Sprechen Sie mit dem Kind, signalisieren Sie, dass Sie verstanden haben, was es möchte, aber holen Sie das Kuscheltier nicht. Lassen Sie das Kind dorthin robben und loben Sie es für die Anstrengung, wenn es das geschafft hat. Eltern, die ihrem Kind hier alles aus dem Weg räumen, das Leben und den Alltag glatt bügeln, werden in der Fachsprache Curling-Eltern genannt.“
Ganz wichtig: Sprechen Sie mit dem Kind. Dabei kommt es nicht darauf an, wie lange mit dem Kind gesprochen wird, sondern in welcher Qualität. Entscheidend ist, dass man wirklich ganz bei dem Kind ist, es direkt anspricht und nicht nur „nebenbei“. „Ohne Töne keine Sprache. Und Berufstätige müssen sich keine Sorgen machen. Auch wenn sie weniger Zeit haben, mit dem Kind zu reden – tun sie dies bewusst und intensiv, ist alles in Ordnung.“
Die Expertin hat auch ein Beispiel parat, wie wichtig die genaue sprachliche Formulierung ist: „Sie holen Ihr Kind aus dem Kindergarten ab und fragen, wie es dort gewesen ist. Sie erhalten aber keine Antwort. Sprechen Sie das Kind persönlich an – etwa mit dem Hinweis, heute sehe es aber besonders glücklich oder auch unglücklich aus und ob etwas Besonderes vorgefallen sei. Dadurch erleichtern Sie dem Kind die Erinnerung an die gerade vergangene Zeit und werden es eher dazu bewegen, sich Ihnen mitzuteilen.“ Wichtig sei auch, Positives zu benennen. „Wir neigen oft dazu, auf Negatives zu verweisen und auf die Dinge, die das Kind unterlassen soll. Aber wir loben zu wenig und benennen selten Dinge, die das Kind schon kann oder die einfach nur schön und positiv sind.“
Über zwei Stunden am Tag beschäftigen sich Erwachsene mittlerweile mit dem Smartphone. Das sagt die Statistik. „Wollen wir wirklich eine Zukunft, in der wir eine App auf dem Smartphone mit Herzschlag oder Haarfön-Geräusch zur Beruhigung für das Baby nutzen? Das gibt es nämlich alles schon“, weiß Lisa Wich.

Kontakt: Lisa Wich, Eltern-Kind-Zentrum Krabbelbde, Heckenweg 8, 45527 Hattingen, Telefon 02324/570431; E-Mail krabbelbude-hattingen@web.de; unter dieser Rufnummer können auch Termine für die Offene Babysprechstunde (kostenlos) vereinbart werden, die in Kooperation mit dem „Bündnis für Familie“ und dem Jugendamt der Stadt Hattingen stattfindet.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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