Abschied von Pfarrehepaar Weyand
„Versteckt Euch nicht hinter Vorwänden!"

Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche. Aber in diesem Jahr wird im evangelischen Gottesdienst im Gemeindehaus Meerbeck an diesem Tag nicht nur mit Freude Geburtstag gefeiert, sondern es wird auch Wehmut geben. Denn die ev. Kirchengemeinde Rheinkamp verabschiedet am Pfingstsonntag das Pfarrerehepaar Weyand. Wolfram Syben, Superintendent des Kirchenkreises Moers, wird die offizielle Verabschiedung übernehmen. Wer ebenfalls Adieu sagen und den beiden alles Gute und Gottes Segen wünschen möchte, ist herzlich eingeladen am Sonntag, 28. Mai um 11 Uhr in der Bismarckstraße 35 b.

„Macht, was nötig ist, ich vertraue euch“

Wenn Barbara und Ulrich Weyand jetzt in den Ruhestand gehen, liegen bereits fünf Jahrzehnte Gemeinschaft hinter ihnen. Kennengelernt haben sie sich in einem Mönchengladbacher Mietshaus, das sie beide als Jugendliche bewohnten. Den aktiven kirchlichen Dienst lernten sie nach der Konfirmation kennen, als sie gemeinsam in der Kirchengemeinde Jugendarbeit leisteten. „Der Pfarrer hat uns gesagt: ‚Macht, was nötig ist, ich vertraue euch‘. Das Vertrauen und der Blick auf das Notwendige prägt uns bis heute“, sagt Barbara Weyand. Das Theologiestudium nach dem Abitur zogen sie in Erwägung, hielten sich aber nicht geeignet für ein Pfarramt. In Bonn wollte sie Englisch und Latein studieren, er Physik und Religion. Doch Hindernisse vereitelten die Studienpläne und führten sie schließlich zum Theologiestudium. „Ich sage ungern so etwas, aber ich hatte doch das Gefühl, dass Gott uns damit gesagt hat: Seid nicht feige und versteckt Euch nicht hinter Vorwänden“, sagt Barbara Weyand. Das Vikariat und der Hilfsdienst folgten in Köln. Anschließend arbeitete sie vier Jahre im Sonderdienst in einer Gemeinde im Kölner Süden. 1992 wurde sie in ihre erste Pfarrstelle in Oberhausen gewählt, Ulrich Weyand blieb bei den Kindern zu Hause und betätigte sich in der Kirche ehrenamtlich. Im Jahr 1998 konnten beide sich dort endlich eine Pfarrstelle teilen.

Kirche im Stadtteil sicht- und erlebbar machen

Am 1. April 2002 begannen sie ihren Dienst in der Kirchengemeinde Meerbeck, ihre Kinder waren mittlerweile 14 und 11 Jahre alt. „Wir sind als Familie herzlich aufgenommen worden, Meerbeck und Moers wurden unser Zuhause. Es gab vieles, was uns beeindruckte: Ökumene z. B., also das Miteinander von evangelischer und katholischer Kirche, war hier ganz selbstverständlich, schon sichtbar im gemeinsamen Gemeindebrief. Natürlich feierten wir die Osternacht zusammen und auch in die Fronleichnamsprozessionen waren wir eingebunden“, erinnert sich Ulrich Weyand. „Und ebenso gab es bereits damals einen guten Kontakt zur Moschee, den wir pflegten“, ergänzt seine Frau.
Unter dem Aspekt, Kirche im Stadtteil sicht- und erlebbar zu machen und sich dem zu widmen, was erforderlich ist, entstand gemeinsam mit anderen z. B. das Netzwerk 55+: Menschen aus dem Stadtteil mit einer besonderen Fähigkeit nutzen die Kirchenräume, um anderen etwas nahezubringen oder sie zu unterstützen, Ausflüge zu organisieren, Kunstprojekte zu planen etc. „Die Kirche bietet einen Raum dafür, hier bilden sich Netzwerke, die Menschen achten aufeinander und es gibt keine Trennung von arm und reich. Hilfreich dabei war uns die Erinnerung an den Pfarrer aus unserer Jugendzeit, der gesagt hatte: Tut das Nötige, ich und die Gemeinde unterstützen Euch.“ In einem besonders kalten Winter öffneten die beiden das Gemeindehaus, damit Menschen dort schlafen konnten, die kein anderes Obdach hatten oder wollten. Einen jungen Mann, dessen Asylverfahren neu geprüft werden musste, nahmen sie über mehrere Monate lang bei sich ins Kirchenasyl auf, so dass er nicht vor der Prüfung abgeschoben wurde „In der Tat ergab die Untersuchung, dass er Anspruch auf Asyl hatte.“ „Das alles ging nur, weil in Meerbeck ganz wunderbare Menschen das Presbyteriumsamt, die Gemeindeleitung, übernommen hatten und bereit waren, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und mitzutragen“, erinnern sich beide. Christinnen und Christen, die aus dem Iran geflohen waren, konnten selbstverständlich im Gemeindehaus einen Raum für Gottesdienste finden.

Nicht in dem verlieren, was früher einmal gut war

Die letzten 10 Jahre waren herausfordernde Zeiten, denn es standen einige Veränderungen in der Gemeinde an, die unter anderem die Trennung von der Johanneskirche bedeuteten und später die Fusion mit den Ev. Kirchengemeinden Eick, Repelen und Utfort zur Ev. Kirchengemeinde Rheinkamp. „Das alles waren richtige Entscheidungen, aber für niemanden leicht, z. B. nicht für diejenigen, die in der Meerbecker Kirche konfirmiert worden waren, geheiratet hatten oder Kinder hatten taufen lassen. Der Trauerprozess war für uns alle entsprechend wichtig. Aber wenn wir Kirche im Stadtteil sein wollen, dürfen wir uns nicht in dem verlieren, was früher einmal gut war, sondern müssen schauen, was die Situation erfordert, um Dienste an den Menschen aufrechterhalten und Neues gestalten zu können“, erklärt Barbara Weyand. „Jetzt ist wieder mehr Zeit für die Einzelnen und die Seelsorge da“, konkretisiert Ulrich Weyand. „Keine Pfarrerin und kein Pfarrer muss mehr in seinem Gemeindebezirk alle Aufgaben übernehmen. Es ist eine entlastende Arbeitsteilung, wenn z.B. ein Kollege für die Konfirmandinnen und Konfirmanden, eine andere für die Grundschulen, eine andere für die Kindertagesstätten verantwortlich ist oder schlussendlich ich für die Seniorinnen und Senioren zuständig bin.“
Darüber hinaus war Barbara Weyand, nach der Fusion für Utfort zuständig, mit ihrer vollen Stelle auch im Kirchenkreis tätig, unter anderem im Team der Notfallseelsorge und in der Fachaufsicht des Neuen Ev. Forums, das etwa Erwachsenen- und Familienbildung anbietet. Und schließlich war sie als Skriba zweite Vertreterin des Superintendenten.

„Wir geben den Stab jetzt in andere Hände.“

„Alles Leben ist Veränderung“, sagt Ulrich Weyand, „Wir geben den Stab jetzt in andere Hände.“ Und Barbara Weyand ergänzt „Es war eine gute Zeit. Wir mögen Moers, Meerbeck, Rheinkamp und den Kirchenkreis mit seiner ungewöhnlichen Solidarität“.

Gemeindebrief austragen

Die Veränderung führt die beiden nach Flensburg, wo sie ihr neues Domizil gefunden haben. „Ich kann mich prima neu erfinden und bin gespannt, was ich wohl mache“, lacht die 63-jährige Theologin. Ulrich Weyand vermutet, dass sich beide wohl wieder mancher Tätigkeiten erinnern, die ihnen als Jugendliche wichtig waren, „vielleicht den Gemeindebrief austragen, der sich schon so liebevoll in unserem Flensburger Briefkasten fand. Man könnte sich um Senioren kümmern, die Eisenbahn aufbauen, Italienisch lernen und zwischendurch einfach auf der Bank am Strand sitzen und eine Postkarte in die alte Heimat schreiben.“

Weitere Information

  • Für die Ev. Kirchengemeinde Rheinkamp wird derzeit eine Nachfolge für das scheidende Pfarrehepaar Weyand gesucht.
  • Die Skriba-Position von Barbara Weyand im Kirchenkreis Moers soll während der Synode Anfang Juni neu besetzt werden.
Autor:

Kirchenkreis Moers aus Moers

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