Isabel Allendes neuer Roman
Ein Leben als ewiger Kampf

„An meinem siebten Geburtstag, am 14. April 1873, zog meine Mutter, Molly Walsh, mir meine Sonntagssachen an und brachte mich zum Union Square, um die einzige Fotografie von mir machen zu lassen, die aus Kindertagen von mir existiert.“ So leitet die inzwischen 83-jährige Isabel Allende ihren neuen Roman ein, in dessen Mittelpunkt wieder einmal eine außergewöhnlich starke Frauenfigur steht. Mit einer Auflage von 100000 Exemplaren ist das neue Erzählwerk nun erschienen.

Emilia ist 1866 in San Francisco als Tochter von Molly Walsh zur Welt gekommen, die sich auf das Leben als Nonne vorbereitete, ihr Vater, ein chilenischer Aristokrat aus dem Haus del Valle, hat sich rasch aus dem Staub gemacht. Der herzliche Stiefvater zieht Emilia in ärmlichen Verhältnissen auf, die Beziehung zu ihrer Mutter ist kompliziert und dauerhaft angespannt.
Manchmal ist es mehr Fluch als Segen, wenn einem Schriftsteller mit dem Debütwerk gleich ein ganz großer Wurf gelingt. Günter Grass musste diese Erfahrung machen, weil er über lange Zeit stets an der „Blechtrommel“ gemessen wurde. Nicht anders ergeht es Isabel Allende, die mit ihrem Erstling „Das Geisterhaus“ (1982) auch gleich einen Weltbestseller landete. Ihre Bücher haben inzwischen eine Gesamtauflage von über 70 Millionen erreicht und wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Zuletzt war der „Der Wind kennt meinen Namen“ (2024) erschienen. Zur großen Popularität trug auch die 1993 unter der Regie von Bille August entstandene Verfilmung des „Geisterhauses“ bei – mit Weltstars wie Meryl Streep, Glenn Close, Jeremy Irons, Winona Eyder und Antonio Banderas.
Isabel Allendes Protagonistin feiert mit Groschenromanen (sie veröffentlicht diese unter einem männlichen Pseudonym) respektable Erfolge. Starke Frauen, die sich an brutalen Männern rächen, stehen zumeist im Zentrum der Handlung. Autorin Isabel Allende und ihre Romane lassen grüßen. Später wird Emilia als Reporterin die Welt erkunden und alles daran setzen, die Geheimnisse ihrer verdrängten Familiengeschichte zu lüften. So landet sie schließlich auch in Chile, wo ein blutiger Bürgerkrieg tobt, in dem sie verletzt und gefoltert wird.
So lässt sich dieser Roman durchaus auch als Vorgeschichte des „Geisterhauses" lesen, in dem Allende die Geschichte der Familie del Valle in Zeiten politischer Unruhen über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert ausgebreitet hatte. Emilia nutzt ihren Aufenthalt in Chile, um die Familie del Valle und ihren Vater kennenzulernen.
Isabel Allendes dichterische Phantasie scheint unerschöpflich zu sein, doch stilistisch – vor allem was die Zeichnung der Figuren angeht – hat sie schon lange nicht mehr an die Brillanz des „Geisterhauses“ anknüpfen können. Ihre Frauenfiguren ähneln einander charakterlich immer stärker. Sie sind Gerechtigkeitsfanatikerinnen, standhaft, ehrgeizig, mutig und ewige Kämpferinnen gegen die patriarchale Gesellschaft. Emilia ist eine Suchende, die gegen gesellschaftliche Vorurteile und berufliche Widerstände rebelliert, sich freizügige Liebesabenteuer gönnt und es mit den Mächtigen aus Medien und Politik aufnimmt. Ihr dauerhaftes Ziel ist es, ihre Leidenschaft zur Profession zu machen: Schreiben ist Emilias Leben.
Was an Allendes groß angelegter Geschichte von Liebe und Krieg, von Hoffnung und Enttäuschung stört, ist die Überzeichnung der Protagonistin Emilia, die als Figur des 19. Jahrhunderts unglaubwürdig wirkt. Ihr Kampf um Gleichberechtigung im Beruf, ihr (zumindest latentes) Streben nach einer sexuellen Befreiung und ihre Rebellion gegen die Vorherrschaft der Männer passt nicht in die Handlungszeit.
Und doch darf man sicher sein, dass auch dieser Roman wieder ein großes Publikum finden wird, denn Isabel Allendes erzählerischer empathischer Furor kann immer noch Herzen öffnen.

Isabel Allende: Mein Name ist Emilia Del Valle. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 360 Seiten, 28 Euro

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Peter Mohr aus Wattenscheid

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