Psychisch Krank und dann Hartz IV
Hartz IV hat mir mein Leben versaut

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Hartz IV hat mir mein Leben versaut!!!

Mein Name ist Imke Schüring, ich bin 49 Jahre alt und leide seit meinem 19. Lebensjahr an einer generalisierten Angststörung, die mich stark in meiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Deswegen bin ich eine Langzeitarbeitslose.

Und dennoch hatte ich in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer eine Arbeitsstelle, obwohl es mir damals noch wesentlich schlechter ging.

Ich bin mir absolut sicher, hätte es HartzIV nicht gegeben, wäre ich niemals so lange arbeitslos gewesen.

Durch dieses restriktive System hatte nie die Chance mir etwas aufzubauen, für meine Rente vorzusorgen, für die Gesellschaft meinen Beitrag zu leisten … obwohl, meinen Beitrag geleistet habe ich für den Kapitalismus, als abschreckendes Beispiel.
(*SarkasmusOff

Ich werde für den Rest meines Lebens eine bettelarme Kirchenmaus bleiben.

Hier erst mal eine Zusammenfassung wie es sich anfühlt, wenn man an einer generalisierten Angststörung leidet und was es für Auswirkungen auf das tägliche Leben hat

Psychisch Krank und dann Hartz IV

Mein Name ist Imke Schüring, ich bin 49 Jahre alt und ich leide seit meinem 19. Lebensjahr an einer schweren „generalisierten Angststörung“, auch Agoraphobie genannt.

Begriffserklärung: Agora ist das altgriechische Wort für „großer Marktplatz“.
Jemand der an Agoraphobie leidet hat Angst, große freie Flächen zu überqueren. Speziell in meinem Fall kam auch noch die Angst vor
dem endlos freien Himmel dazu. Beim Anblick des Himmels dachte ich
automatisch an das Universums, und das unsere Erde nur ein
winziges Staubkorn in diesem unendlich großen Universum ist, raubte mir so manches mal die Luft zum Atmen.
Für einen „normalen“ Menschen muss das total bescheuert klingen,
aber für mich war es bittere Realität, zumal ich mich auch nicht
getraute irgendwem von diesen Gedanken zu erzählen, denn ich hatte
natürlich Angst davor, das die Leute mich für bescheuert halten, oder
für verrückt. Diese Angst hat mich bis in die schützende „Höhle“
meiner Wohnung verflogt. An manchen Tagen habe ich sämtliche
Rollos meiner Wohnung herunter gezogen, damit ich den Himmel
nicht sehen musste.
Meine Wohnung liegt im 5. Stock, das hatte meine Mutter so
ausgesucht zum Schutz vor Einbrechern, die gern in Fenster
einsteigen. Ich hätte ja damals lieber Ebenerdig gewohnt, mit festem
Boden unter den Füßen, aber Mama hatte sich mit ihren Ängsten
durchgesetzt. Von meiner Angst vor dem freien Himmel hatte ich ihr
natürlich auch nichts erzählt, sie hätte das sowieso nicht verstanden.
Aber auch heute noch (sogar in diesem Moment wo ich das nieder
schreibe) ist mir seltsam zumute bei dem Gedanken, dass unter
meinen Füßen „nur“ eine nicht mal 40cm dicke Stahlbetonschicht liegt,
und unmittelbar darunter ein 2,50m „freier Raum“.

Versteht eigentlich kein Mensch, wie gruselig das ist?

Nein ihr könnt alle nichts dafür, das ihr das nicht versteht

Wie und warum kam es dazu?

Darüber habe ich mir reichlich Gedanken gemacht.
Die Gründe dafür sind wohl schon in früher Kindheit angelegt.
Als ich vier Jahre alt war, starb mein Vater an Krebs. Dieses Unglück, hat meine Familie in tiefe Trauer und Verzweiflung gestürzt.

Unsere Mutter war schon immer sehr pflichtbewusst und versuchte einerseits eine liebende Mutter zu sein und andererseits auch einen strengen Vater zu ersetzen.
Ich habe noch zwei ältere Brüder und für unsere Mutter war es nicht immer leicht konsequent zu bleiben, denn sie wollte auch den Familienfrieden nicht gefährden.
(= schwierige Situation!)

Der frühe Verlust des Vaters hat mich sehr verunsichert. Er hat gefehlt,
die ganze Kindheit und Jugend …

Als ich zur Schule kam wurde es schwierig! Ich hatte große Probleme mich in die Klassengemeinschaft einzufügen. Die Lehrerin meinte ich sei schüchtern und leicht zu verunsichern.
Die anderen Kinder hingegen erschienen mir laut, ruppig und total Angstfrei. Mir wurde schnell klar, ich kann mit denen nicht mithalten und ich habe mich zurückgezogen.

Später auf der Realschule wurde es noch schlimmer für mich. In meinem Dorf gibt es keine weiterführende Schule also musste ich mit dem Schulbus in die nächste Ortschaft fahren.
Die Mitschüler wurden lauter, ruppiger und aggressiver.
Im Laufe der Jahre habe ich daher eine ausgereifte Sozialphobie entwickelt. (=Selbstdiagnose)

Begriffserklärung:
Menschen mit Sozialphobie haben ständig Angst sich zu blamieren, sich lächerlich zu machen und ausgelacht zu werden; mitten ins Gesicht oder auch hinten herum.

Nach der Schulzeit begann ich mit einer Krankenpflegeausbildung. Ich war weit weg von zu hause, hatte immer noch Angst vor Menschen und der Lernstoff erwies sich als sehr umfangreich und das schon in den ersten vier Wochen.

Hier kam es dann zum Ausbruch meiner Angsterkrankung:
Es war am ende des ersten Blockunterrichts, den die Klasse mit einem Spaziergang zum Rhein und dort im „Burghof“ feiern wollte.

Auf dem Spaziergang stieg dann das erste mal Panik in mir auf.
Und ich rede von ECHTER PANIK!!!!

„Kleinere“ Angstanfälle hatte ich schon seit einigen Jahren gekannt, aber die „kleineren“ hatte ich immer geschafft wieder „runter zu regulieren“.

Aber bei diesem Anfall gelang mir das überhaupt nicht mehr und auf dem „Höhepunkt“ war ich fest davon überzeugt gleich sterben zu müssen! :,-(

Wie fühlt sich eine Panikattacke an?

Es beginnt meist im Kopf mit einer gefühlten Reizüberflutung
in Kombination mit negativen Gedanken.

dir wird schwindelig

deine Knie werden butterweich

und auch die Füße und Knöchel fühlen sich seltsam leicht und weich an und
du glaubst keinen festen Stand mehr zu haben

Hände und Fußsohlen sondern Unmengen von Schweiß ab

Und überhaupt fängst du am ganzen Körper an zu schwitzen,
selbst wenn die Temperatur nur 10° Celsius anzeigt.

Dich überkommt ein übermächtiger Impuls wegzurennen
und dich in Sicherheit zu bringen (nach Hause)

An diesem verhängnisvollen Tag wurde das Gefühl so übermächtig, das ich mitten in der Gruppe meiner Mitschüler zu Boden ging, mich hinlegte und mit Tränen in den Augen auf den Tod wartete.

Alle guckten mich an und ich schämte mich entsetzlich, weil ich ihnen nicht erklären konnte, was mit mir los war.
Sie brachten mich ins Schwesternwohnheim, aber auch hier wurde es nicht besser, selbst im Haus blieb es unerträglich.
Vor die Haustür traute ich mich gar nicht mehr, so das ich mich schließlich in die Psychiatrie einweisen ließ.
Hier hieß es dann: Trainiern, trainieren, trainieren!!! Immer wieder gegen die Angst angehen. Früher oder später würden die Ängste von selber verschwinden.
Ich flehte die Ärzte an mir ein Medikament zu geben, aber die waren entschieden dagegen. Ich sei noch zu jung hieß es und mein Erfolg wäre mehr Wert, wenn ich es ohne Medikament schaffte.
So vergingen Wochen und Monate, ich tranierte fleißig aber die Ängste gingen nicht weg.

Jeden Morgen war es dasselbe Spiel, sich aufraffen und dagegen angehen. Das ist sehr anstrengend und verdirbt auf Dauer wirklich die Lebenslust.

Ich zog zurück in die Heimat und meine Mutter besorgte mir eine Wohnung.
Zum Glück bekam ich etwas Waisenrente von der ich erst mal einigermaßen Leben konnte.

Ich wollte unbedingt eine Ausbildung machen!!!!

Ein Versuch im Einzelhandel schlug fehl, weil ich alle paar Monate nach Münster in ein Ausbildungszentrumm hätte fahren müssen, aber das habe ich nicht hinbekommen, ich konnte einfach nicht in den Zug einsteigen, zu viel Panik!

Also musste ich mich wieder aufs Fahrrad setzen
und den - für mich unendlich weiten Weg - zum Arbeitsamt fahren. Genau weis ich es nicht, aber es sind von meiner Wohnung bis zum Arbeitsamt maximal 5km, aber für einen Menschen mit Agoraphobie (wie gesagt, die Angst vor freien Flächen) eine schier kaum zu überwindende Wegstrecke.

Das Gebäude in dem das Arbeitsamt liegt war noch so ein Problem für sich. Es ist riesig! Seine Gänge sind endlos lang und sehen alle vollkommen gleich aus. Das richtige Zimmer zu finden dauerte in meiner Gefühlswelt jedesmal eine Ewigkeit …..

Zum Glück waren die Sachbearbeiter in den 90er Jahren (lange vor HartzIV) noch vergleichsweise freundlich. Man war damals noch sehr bedacht den Arbeitsuchenden wirklich zu helfen und es gab viele Angebote, die gut waren und Sinn machten.
So bot man mir eine Überbetriebliche Ausbildung zur Bürokauffrau bei der „Wirtschaftsschule Franke“ an. Die Schule lag recht nah an meiner Wohnung, die Dozenten waren kompetent auf ihren Gebieten und hervorragend pädagogisch geschult.
Der Unterricht war umfangreich, wir haben da richtig was gelernt für den Beruf! Unter anderem auch den Umgang mit dem Computer, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Rechnungswesen, Bürowirtschaft.
Ausserdem gab es noch mehrere sehr freundliche Sozialarbeiter mit denen man jederzeit über seine Sorgen sprechen konnte.

Nach der Ausbildung fand ich eine Arbeitsstelle bei einer Baufirma.

Kurz gesagt:
Damals vor HartzIV gab es eine Fülle toller Angebote vom Arbeitsamt für Arbeitsuchende.

Aber dann kam HartzIV und änderte alles, das Arbeitsamt heißt jetzt Arbeitsagentur bzw. Jobcenter und die Sachbearbeiter sind angehalten möglichste schnell zu vermitteln und zwar egal wohin!
Vorbildung, Talente und persönliche Neigungen spielen praktisch keine Rolle mehr. Auf psychische Krankheiten wird kaum Rücksicht genommen.

Es wäre fast lustig, wenn es nicht so traurig wäre, aber in der Zeit VOR HartzIV hatte ich eigentlich immer einen Job, einige auch vermittelt durch das Arbeitsamt.

Aber schon Jahre vor der Einführung von HartzIV hatte es eine beispiellose Medienkampagne gegeben, die dem braven Bürger eingeredet hatte, es gäbe am unteren Ende der Gesellschaft Menschen, die unseren Sozialstaat schamlos ausnutzen würden.

„Es gibt kein Recht auf Faulheit.“, hat Gerd Schröder einst gesagt.

Und es setzte sich die zweifelhafte Erkenntnis durch, das nur mit massivem Druck diese angeblich so faulen Menschen „ihre Einstellung ändern“ würden.
Dieser Druck wurde verhängnisvoller weise in Gesetze gegossen, die das Klima zwischen Sachbearbeitern und Arbeitsuchenden nachhaltig vergiftet hat.

Mit einem Sachbearbeiter vom Jobcenter war es mir nicht mehr möglich vertrauensvoll zu sprechen, man muß aufpassen was man sagt, aus Angst vor Leistungskürzungen.

Aber auch Arbeitgeber sind seit der Schmutzkampagne nicht mehr so wie früher. Arbeitende die aus dem HartzIV Bezug kommen werden scharf beäugt.
„Man erkennt sie daran, das sie sich öfter mal hinsetzen, weil sie nicht so lange durchhalten.“, hab ich ein Gespräch damals bei Amazon in Rheinberg belauscht.
„Die können das einfach nicht!“

Der Gedanke „die können das einfach nicht“ ist auch exemplarisch für die so genannten „Aktivierungsmaßnahmen“ mit denen Arbeitsuchende seitdem mehr belästigt als gefördert werden. Der Sinn der „Aktivierungsmaßnahmen“ besteht darin arbeitslosen Menschen eine „feste Struktur“ und einen „geordneten Tagesablauf“ „beizubringen“

Ich bin mir absolut sicher, hätte es HartzIV nicht gegeben, wäre ich niemals so lange arbeitslos gewesen.

Durch dieses restriktive System hatte nie die Chance mir etwas aufzubauen, für meine Rente vorzusorgen, für die Gesellschaft meinen Beitrag zu leisten … obwohl, meinen Beitrag geleistet habe ich für den Kapitalismus, als abschreckendes Beispiel.
(*SarkasmusOff

Ich werde für den Rest meines Lebens eine bettelarme Kirchenmaus bleiben.

Autor:

Imke Schüring aus Wesel

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