Unterwegs auf dem Balkan

Pension Herenda am Ortsrand von Gorazde
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  • Pension Herenda am Ortsrand von Gorazde
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Wo: Alia-Izedbegovic-Brücke, Gorazde auf Karte anzeigen

Ergänzend zu meinem ersten Bericht (http://www.lokalkompass.de/wesel/leute/dobar-dan-ein-bericht-aus-bosnien-d99090.html) hier nun ein paar weitere Reiseeindrücke aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Von Gorazde aus haben wir mehrere Fahrten unternommen.

Zunächst ging es die Drina abwärts nach Visegrad nahe der Serbischen Grenze. Bekanntestes Baudenkmal ist die alte türkische Brücke aus dem 16. Jahrhundert (seit 2007 Weltkulturerbe). Das Kloster Dobrun in der Nähe war nur von außen zu besehen. Im ehemaligen kulturellen Brennpunkt der Region war leider niemand anzutreffen, um die bedeutende Klosterkirche besichtigen zu können.

Ein gesellschaftliches Großereignis war die Landwirtschaftsausstellung in Gorazde. Das öffentliche Interesse war außerordentlich groß. Dies zeigten die vielen Fernsehkameras und der Sturm auf die Stadthalle, als die Türen nach zahlreichen Ansprachen endlich geöffnet wurden. Landwirtschaftliche Produkte der Region, teils preisgekrönt, standen im Mittelpunkt der Ausstellung (Honig, Granatäpfel, Marmeladen, Paprikapaste [Ajvar]).

Ein zweitägiger Ausflug führte zunächst nach Dubrovnik. Diese stark befestigte mittelalterliche Stadt war schon lange Ziel des Adriatourismus. Die Altstadt - im Bürgerkrieg schwer zerstört - ist wieder hergestellt und wieder Ziel von Kreuzfahrtschiffen und Busreisenden aus aller Welt. Wir sind zum Glück außerhalb der Hauptsaison angekommen, sodass das Gedränge auszuhalten war. Interessant war, dass auch auf engstem Raum fürs Spiel Platz zu finden ist. Auf den Dächern nahe der Festungsmauer kamen wir zu einem Basketballplatz.
Nach einer Zwischenübernachtung in Neum (am Bosnischen Teil der Adriaküste) ging es Richtung Mostar weiter. Unterwegs lag die alte Burg Pocitelj mit umgebender Festung. Die Restaurierung der Anlagen aus dem 15. Jahrhundert ist weit fortgeschritten. Hier besteht auch eine Künstlerkolonie, die einen Besuch lohnt.
Weiter ging es zur Bunaquelle in Blagaj. Diese Karstquelle ist die wasserreichste in Europa. Direkt am Ufer liegt das Derwischkloster vom Ende des 15. Jahrhunderts.
Mostar schließlich bildete den Abschluss der zweitägigen Tour. in erster Linie bekannt durch die ebenfalls türkische Brücke über die Neretwa. 1993 durch gezielten Beschuss zerstört, wurde sie ab 2002 durch die UNESCO wieder rekonstruiert. Die Brücke ist wieder touristischer Mittelpunkt der Herzegowinischen Hauptstadt.

Zwischendurch ging es mal nicht in die Ferne. Jetzt galt es Äpfel zu sammeln, zu zerkleinern und zu versaften. Ein volles 120-Liter-Fass war Erfolg der Bemühungen. Den abendlichen Abschluss bildete ein traditionelles Bosnisches Essen mit im Feuer gedünstetem Huhn und Gemüse.

Mit dem öffentlichen Nahverkehr ging es morgens um acht los nach Sarajevo. Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina und manchem möglicherweise noch als Olympiastadt 1984 bekannt. Auch hier sind die Wunden des Krieges erkennbar. Überall sind Häuser in den unterschiedlichsten Stadien der Wiederherstellung aber auch des Verfalls zu sehen. Unübersehbar sind die Mühen des Aufbaus. Vom Busbahnhof aus ging es den Fluss Miljacka entlang, dann ging es in die Altstadt. Alte Märkte, ehemalige Karawanserei und viele alte Gebäude bilden ein eindrucksvolles Ensemble. Moscheen, katholische und orthodoxe Kirchen und eine Synagoge auf engstem Raum zeigen, dass ein Nebeneinander und bestenfalls Miteinander vieler unterschiedlicher Lebenseinstellungen und Glaubensrichtungen möglich ist. Leider zeigt die jüngste Zeitgeschichte, dass sich das Ganze schnell ändern kann.
Interessanter Aspekt zwischendurch - im eigentlich geschlossenen Museum bekamen wir die Fundobjekte der letzten archäologischen Ausgrabungen bei Gorazde zu Gesicht. Unter anderem eine über 7000 Jahre alte Frauenfigur. Es ist halt überall gut, wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt...

Knapp 30 Kilometer von Gorazde entfernt liegt die durch gezielte Vertreibung und Mord im Krieg inzwischen fast rein Serbische Stadt Foca. Ein Beispiel, wie lange unterschwellig schwelende Konflikte - geschürt durch politische Interessen - aus Nachbarn plötzlich Feinde machen kann. Völlig unverständlich auch, dass mitten in unserer angeblich so aufgeklärten Europäischen Kultur alle 16 Moscheen des Ortes gesprengt wurden, um so die Erinnerung an die Bosnischen ehemaligen Nachbarn auszulöschen.

Ein sehr nachdenklich stimmender Abschluss der Touren durch die Umgebung von Gorazde. Die Geschichte hat dem ganzen Land eine große kulturelle Vielfalt beschert - Bosnien und das ganze ehemalige Jugoslawien zeigt sich aber in großer Zerrissenheit.

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