Begegnungen fördern
Integrationsbeauftragte Claudia Formann im Gespräch über Rassismus in Witten

Claudia Formann ist Integrationsbeautragte der Stadt Witten.
  • Claudia Formann ist Integrationsbeautragte der Stadt Witten.
  • Foto: Jörg Fruck
  • hochgeladen von Nicole Martin

Die Tötung George Floyds hat international wie national für Bestürzung gesorgt, Proteste auf der ganzen Welt solidarisieren sich mit der schwarzen Community. Der Fall zeigt (wieder einmal): Die USA haben ein Rassismus-Problem. Aber ist es so einfach, das Problem nur in Übersee zu verurteilen? Müssen wir nicht auch Rassismus lokal aufarbeiten? Wir haben mit Wittens Integrationsbeauftragter Claudia Formann über das Thema gesprochen.

In aller Kürze: Wie sieht die Arbeit einer Integrationsbeauftragten aus, und sehen Sie den Kampf gegen Rassismus als Ihre Aufgabe?

Claudia Formann: Die Hauptaufgabe einer Integrationsbeauftragten ist es, die Integration von Zugewanderten in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Fast alle Migranten und Migrantinnen möchten ihren Platz in unserer Gesellschaft finden und ihren Beitrag leisten. Dafür benötigen wir zum Beispiel Sprachkurse, Unterstützungsangebote und Begegnungsmöglichkeiten. Denn bevor ich den anderen akzeptieren kann, muss ich ihn kennenlernen. Auf beide Seiten – bei Deutschen und bei Ausländern und Ausländerinnen – sind oft Hemmschwellen und Vorurteile vorhanden. Negative Bilder entstehen nämlich da, wo man nichts von einander weiß. Das gilt für Deutsche genauso wie für Ausländer und Ausländerinnen. Man hat seine Bilder im Kopf, die gilt es zu revidieren. Das ist ein Beispiel aus der Zeit, als ich mit der Arbeit angefangen habe: In einer Arbeitsgruppe zum Thema Bildung, nahmen auch Frauen mit Kopftuch teil. Ich machte mir Sorgen, ob sie mich überhaupt verstehen könnten. Die Frauen sprachen dann aber in perfektem Deutsch darüber, wie wichtig die Investition in Bildung für die Kinder ist. Es gilt also, durch die Erfahrungen miteinander voneinander zu lernen.

Einander akzeptieren

Letztendlich muss uns bewusst werden, dass der andere genauso in Frieden in Witten leben möchte wie wir alle. Er hat die gleichen Bedürfnisse, Sorgen auch Freuden. Und diese Einsicht kann Rassismus verhindern. Wir sollten lernen, einander zu akzeptieren, auch wenn man nicht alles gut findet, was der andere macht, solange es legal ist.

In Witten leben etwa 9600 Menschen mit ausländischem Pass, laut Ihren Einschätzungen haben gut ein Viertel der Bürger Migrationshintergrund. Wie zeigt sich Rassismus in unserer Stadt? Was berichten Betroffene, wie sieht Ihre persönliche Einschätzung aus?

Es ist oft schwer zu entscheiden, ob Rassismus im Spiel ist oder andere Gründe vorliegen. So gehen manche davon aus, dass sie eine Wohnung oder eine Arbeit nur aufgrund ihrer Nationalität nicht bekommen haben. Doch wie kann man das nachweisen? Auch Deutsche bekommen nicht sofort die Wunschwohnung oder den Arbeitsplatz. Jedoch habe ich auch von einem Arbeitgeber erfahren, dass er Bewerbungen von Personen mit schwer auszusprechenden Namen sofort zur Seite legt. Es kamen vor einigen Jahren türkische Familien zu mir, die davon ausgingen, dass ihre Kinder nur aufgrund ihrer Herkunft auf die Hauptschule mussten. Diesen Vorwürfen sind wir natürlich ernsthaft nachgegangen und kamen zum Ergebnis, dass nicht die nationale, sondern die soziale Herkunft über den schulischen Werdegang eines Kindes ein Rolle spielt. Aussagen einer Lehrerin zum Beispiel, dass ausländische Kinder nicht unbedingt Abitur benötigen, werte ich durchaus als rassistisch.
Sprachhindernisse sind kein Zeichen fehlender Intelligenz und mit entsprechender Förderung können viele, vielleicht auch mit Umwegen, erfolgreich ins Berufsleben einsteigen. Die ersten Kinder aus unserem Projekt „Kontrakt-Unternehmen für Bildung“ studieren Lehramt und Psychologie, sind Krankenschwestern oder sind ansonsten beruflich etabliert.

Spiegelbild der Gesellschaft

Das ist auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und Zeichen erfolgreicher Integrationspolitik. Immer mehr schaffen das Abitur und sind beruflich erfolgreich. Schon alleine im Fernsehen sind viele ehemaligen Migranten und Migrantinnen als Nachrichtensprecher, Moderatoren und Comedian zu sehen.
Welche Rolle rassistische Gewalt in unserer Stadt spielt, kann ich nicht beurteilen, darüber gibt die Polizei beziehungsweise der Staatsschutz Auskunft.

Sind Sie auch mit Fällen konfrontiert worden, in denen Menschen nicht nur unterbewusst, sondern ganz offen mit Rassismus konfrontiert waren?

Auch das gibt es. Einem Schüler etwa - fleißig, hoch motiviert - haben seine Mitschüler gesagt: "Warum soll ein Ausländer überhaupt Abi machen?" Das war sehr schlimm für den Jugendlichen.

Wie konnten Sie in der Situation helfen? Konnten Sie die rassistischen Anfeindungen stoppen?

In dem Fall konnten wir nur das betroffene Kind stützen und weiter ermutigen. In anderen Fällen wurde Kontakt mit der Schule aufgenommen.

Daran anknüpfend: Welche Maßnahmen gibt es, um Rassismus zu bekämpfen - gibt es etwa Projekte oder Kurse zum Thema.

Die Landes- und Bundesregierung stellen Projektmittel zur Verfügung. Diese können von Trägern beantragt werden.
(Antidiskriminierungsprogramme werden auch vom Programm „Demokratie leben!" unterstützt - weitere Informationen hierzu:)

Partnerschaft für Demokratie

Was tun Schulen oder andere Bildungseinrichtungen, stehen Sie da in Kontakt?

Vor Kurzem hat das Deutsche Rote Kreuz (Integrationsagentur) in Zusammenarbeit mit der Hardenstein-Gesamtschule ein gutes Projekt durchgeführt. Daraus ist ein Film entstanden.

)

An wen können sich von Rassismus Betroffene sonst noch wenden?

Die Antidiskriminierungsstelle. Es ist da leider oft schwer nachweisbar. Wie soll man etwa nachweisen, dass man einen Job oder eine Wohnung wegen seines Hintergrunds nicht bekommen hat?

Wie sehr schränkt die Corona-Krise ihre Arbeit ein?

Sehr! Die Begegnungen - miteinander reden, Konzepte entwickeln und gemeinsam Maßnahmen durchführen - fallen flach. Manches geht online, aber vieles nicht. Die Familien sitzen zuhause und sprechen jetzt wenig Deutsch. Es muss schnell vieles nachgeholt werden.
Als Stabsstelle freuen wir uns darauf, wenn es wieder losgehen darf und wir die Menschen wiedersehen.

Und zum Schluss, ganz besonders wichtig: Was kann jeder Einzelne, also jeder unserer Leser Ihrer Meinung nach tun, um gegen Rassismus klare Kante zu zeigen?

Bei einem selbst angefangen: Bemüht euch, Kontakte zu suchen. Spricht mit eurem ausländischen Nachbarn, zeigt Interesse. Man trifft da dann wahrscheinlich auf andere Traditionen, anderes Essen, andere Musik, aber letztendlich auch auf die Erkenntnis: Wir sind alle doch gleich.
Bei rassistischen Äußerungen sollte man freundlich nachfragen, wie der andere zu seinem Urteil gekommen ist. Doch manchmal lohnt sich das auch nicht. Es gibt einfach unverbesserliche Menschen.

Autor:

Nicole Martin aus Witten

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