Hoesch-Museum erinnert in einer Ausstellung an die Hoesch-Fraueninitiative
„Sich ins Geschehen werfen" gipfelte im Hungerstreik

Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse betrachtet ein Foto, das sie während einer Unterschriftensammlung 1980 zeigt.
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  • Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse betrachtet ein Foto, das sie während einer Unterschriftensammlung 1980 zeigt.
  • Foto: Kartin Pinetzki / Stadt DO
  • hochgeladen von Antje Geiß

Bis heute hat der Einsatz der „Hoesch-Frauen“ in der Stahlkrise wenig Beachtung gefunden: Ende 1980 solidarisierten sich engagierte Frauen in Dortmund mit der Arbeiterschaft des Montanunternehmens Hoesch. In einer Ausstellung erinnert das Hoesch-Museum  an der Eberhardstr. 12 bis zum 9. Februar mit Fotografien und anderen Dokumenten von Zeitzeuginnen an die Initiative der Frauen, die in einem Hungerstreik gipfelte.
Erzählt wird in der Dortmunder Nordstadt bei freiem Eintritt ein bislang wenig beleuchtetes Kapitel der Unternehmensgeschichte, das zugleich ein Stück Stadt- , Frauen- und Alltagsgeschichte ist.
Europaweit war die Rohstahlproduktion seit den frühen 1970er Jahren rückläufig. In Dortmund drohte die Schließung des technisch veralteten Stahlwerks der Westfalenhütte – ein Verlust von 4.200 Arbeitsplätzen wäre die Folge gewesen. Dafür sollte mit Bundes- und Landesmitteln ein modernes Stahlwerk errichtet werden, das 10.000 Arbeitsplätze gesichert hätte. Doch im Oktober 1980 nahm der Hoesch-Vorstand diese Zusage überraschend zurück und verwies auf die anhaltend schlechte Finanzlage des Unternehmens. Unter dem Ruf „Stahlwerk jetzt!“ formierte sich nicht nur innerhalb der Belegschaft aller drei Standorte – Westfalenhütte, Phoenix und Union – Widerstand. Stadtweit schlossen sich verschiedene Bürgerbewegungen an.

Engagement unabhängig von Job und Herkunft

Auch die Hoesch-Fraueninitiative formierte sich. Mitglieder waren ganz unterschiedliche Frauen, unabhängig von Herkunft, Beruf und persönlicher politischer Position. Nicht alle waren direkt mit Hoesch verbunden, aber alle sahen die Notwendigkeit, sich für den Stadtteil und für die Zukunft der Gesellschaft zu engagieren. Sie wurden häufig argwöhnisch beäugt, konnten sich aber rasch von den diversen Vorwürfen und Instrumentalisierungsversuchen freimachen.
Als eigene Gruppe gingen sie mit Transparenten bei den Demonstrationen mit, veranstalteten Solidaritätsaktionen etwa mit der Liedermacherin Fasia Jansen, sammelten Unterschriften oder traten im Februar 1981 sogar in einen mehrtägigen Hungerstreik vor der Hauptverwaltung der Westfalenhütte.

Erinnerungen von Zeitzeuginnen 

Im Hoesch-Museum gab es davon nur wenige Spuren und Zeugnisse. Das änderte sich, als zwei der damals aktiven Frauen dem Museum im Laufe des Jahres 2019 ihre umfangreichen privaten Sammlungen mit hunderten von Fotos, Zeitungsartikeln, Dokumenten und Objekten übergaben. Das Hoesch-Museum arbeitete das Konvolut gemeinsam mit zwei Studierenden der TU Dortmund und der Ruhr-Universität Bochum auf. In Verbindung mit den Erinnerungen der Zeitzeuginnen entstand so die Ausstellung.
Die aktive Teilnahme an der Fraueninitiative hinterließ nicht nur Kisten und Taschen voll Papier. Auf ein erstes, spontanes „Sich ins Geschehen werfen“ im November 1980 folgten gezielte politische Auseinandersetzungen und Aktionen. Daran wuchs jede der Beteiligten, wurde aufmerksam für drängende gesellschaftliche Fragen und machte sich auf unterschiedliche Weise unabhängig – bis heute.

Dokumentation mit der Kamera

Der Dortmunder Designstudent Gisbert Gerhard begleitete die „Stahlwerk jetzt!“-Proteste und vor allem die Aktivitäten der Fraueninitiative mit seiner Kamera. Im Fokus stand für ihn die Begegnung mit den einzelnen Menschen, deren emotionales und intellektuelles Engagement er festhalten wollte. Mit seiner Serie über die Hoesch-Frauen wollte Gerhard die Besonderheiten der Dortmunder Bewegung dokumentieren, sah die Fotografie aber immer auch als politisches Instrument.
Gisbert Gerhard kam 1978 nach Dortmund und absolvierte ein Studium als Foto-Designer. Als freier Fotograf war er journalistisch für zahlreiche Magazine tätig und lehrte als Dozent an der VHS.
Eröffnung mit Eigenkomposition
Die Ausstellung ist Teil des f² Fotofestivals zum Thema Gerechtigkeit. Zahlreiche Ausstellungen in Museen, Galerien und Hochschulen, die unabhängig voneinander kuratiert werden, bieten unterschiedliche Perspektiven zu einem gemeinsamen Thema, mit dem kritischen und neugierigen Blick der Fotografie. Mehr dazu unter Fotofestival.
Begleitprogramm:  Donnerstag, 28. November, um 18 Uhr, Museumsgespräch: „Unsichtbare Motoren“. Die Fraueninitiative Hattingen während des Hüttenstreiks 1986/87. Referentin: Alicia Gorny, Institut für soziale Bewegung Bochum
2. Februar, 11 Uhr, Sonntagsmatinée: Der Hungerstreik 1981 der Hoesch-Fraueninitiative mit Rita Schenkmann-Raguse, Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf und weiteren Zeitzeuginnen.
Führungen durch die Sonderausstellung können unter Tel.: 0231 84 45 856 oder hoesch-museum@web.de gebucht werden.

Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse betrachtet ein Foto, das sie während einer Unterschriftensammlung 1980 zeigt.
Unter einem Banner zum Hungerstreik der Hoesch-Fraueninitiative (v.li.): Isolde Parussel (Leiterin des Hoesch-Museums), Dr. Jens Stöcker (Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte), Mit-Kuratorin Svenja Grawe (Ruhr-Universität Bochum), Zeitzeugin Rita Schenkmann-Raguse und Dr. Karl Lauschke, Vorsitzender der Freunde des Hoesch-Museums.
Autor:

Antje Geiß aus Dortmund-City

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