Ergreifender Vortrag über das jüdische Leben in Werden beim CDU-Stammtisch
„Ich bin Jude, spuckt mich an“

Die CDU Werden hatte Martina Strehlen (2.v.r.) eingeladen: Ratsfrau Martina Schürmann sowie die Bezirksvertreter Herbert Schermuly (l.) und Hanslothar Kranz.
Foto: Gohl
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  • Die CDU Werden hatte Martina Strehlen (2.v.r.) eingeladen: Ratsfrau Martina Schürmann sowie die Bezirksvertreter Herbert Schermuly (l.) und Hanslothar Kranz.
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Anlässlich des unseligen Jahrestages der Novemberpogrome 1938 wurde der jüdischen Familien in Werden gedacht. Grausige Details kamen ans Licht. Auch erinnerte Historikerin Martina Strehlen an schreckliche Schicksale.

Im Rahmen des CDU-Stammtisches in den Domstuben hatte Hanslothar Kranz eingeladen. Martina Strehlen von der Alten Synagoge Essen widmete sich Erinnerungsorten jüdischen Lebens in Werden, von der Gründung der jüdischen Gemeinde 1808 durch Juspa Herz bis hin zum schrecklichen Ende 1942. Es gab viele arme Juden in Werden, aber auch einige Familien, die für die Wirtschaftskraft des Ortes bedeutend waren: Die Familie Simon mit ihrem international renommierten Holzbearbeitungswerk Döllken sowie die Schürzenfabrik Rindskopf am Klemensborn. Während der Weimarer Republik gaben diese Familien bis zu 800 Menschen Arbeit. Beide Familien waren karitativ sehr engagiert und sprachen auch politisch ein Wort mit.

Reichskanzler Adolf Hitler

Die Juden fühlten sich als Werdener, nicht als Essener. Das blieb auch nach der Eingemeindung so. Im Jahr 1931 feierten Sally Steeg und seine Frau Minna, geb. Rosenbaum, stolze 40 Jahre des Bestehens ihres Geschäftes M. Rosenbaum an der Brückstraße. Stammkunden erhielten einen Jubiläumsteller aus Porzellan. Doch zwei Jahre später wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Werden war zwar keine nationalsozialistische Hochburg, aber schon 1928 gab es eine Ortsgruppe der NSDAP. Die rief einen Boykott jüdischer Geschäfte aus. Sally Steeg wurde von der Werdener SA aus seinem Haus in der Brückstraße gezerrt und mit einem Schild um den Hals durch die Straßen geführt. Auf diesem Schild stand: „Ich bin Jude, spuckt mich an.“ Ziel dieses Spießrutenlaufens war die Villa der Fabrikantenfamilie Simon auf der Laupendahler Landstraße. 1935 stempelten die „Nürnberger Gesetze“ die deutschen Juden zu minderwertigen Bürgern. 1938 wurde es noch schlimmer. Im April wurde die Firma Döllken „arisiert“ und weit unter Wert an die katholische Familie Klöpfer verkauft. Durch Ab- und Auswanderung war die jüdische Gemeinde so klein, dass die Synagoge in der Heckstraße nicht mehr gehalten werden konnte. Man brachte die Thora-Rollen in das jüdische Altersheim Rosenau auf dem Pastoratsberg.

Der 10. November 1938

Am Morgen des 10. Novembers 1938 schlugen SA-Leute die Schaufenster des Lebensmittelgeschäftes der Sophie Baum in der Bungertstraße 32 ein und zerstörten die Geschäftseinrichtungen. Den beiden Geschäften der Familie Steeg in der Brückstraße erging es nicht anders. Eine Zuhörerin im Saal berichtete, was sie als kleines Mädchen mitgehört hatte: „Die haben bei Steegs den Flügel aus dem Fenster geschmissen.“ Das habe sie als Kind sehr bewegt. Auch konnten sich Anwesende noch gut erinnern, dass die Eltern nach 1945 nie die aktuellen Inhaber der Geschäfte nannten, sondern immer die der früheren jüdischen Besitzer. Nach dem Krieg lernte Hanslothar Kranz bei Döllken Schreiner und man sagte immer nur, man arbeite „bei Kurt Simon“. Ebenfalls am 10. November wurde die Rosenau von der Gestapo besetzt und geräumt. Nach offiziellen Angaben kamen bei den Novemberpogromen im ganzen Reich 91 Juden um. Eine zynische Bagatellisierung. Denn neueste Untersuchungen der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte zeigen, dass diese Opferzahl allein in NRW schon überschritten wurde. Nachmittags wurden Jacob Herz, die Brüder Felix und Kurt Steeg, Samuel Rosenbaum, Fritz Rindskopf und Ernst Littmann in „Schutzhaft“ genommen. Die Gestapo wurde bei der Verhaftungswelle von der Werdener Kriminalpolizei tatkräftig unterstützt. Auch Ernst Simon wurde verhaftet, konnte aber später mit seiner Gattin Else noch fliehen. Sein Bruder Otto kam wie Frau Celestine und Sohn Hans im KZ ums Leben.

Der Zug in den Tod

Die Werdener Juden wurden ins Polizeigefängnis am Haumannhof eingeliefert. Dann wurden sie mit tausend Anderen nach Dachau ins KZ gebracht. Nach einigen Wochen kehrten sie kahlgeschoren zurück. Ernst Littmann, Fritz Rindskopf und Kurt Steeg gelang die Flucht. Felix Steeg nahm sich im Juni 1939 aus Verzweiflung das Leben. Samuel Rosenbaum gelang mit der Familie noch im November 1939 die Flucht. Zuvor hatten die Rosenbaums in die Bungertstraße 32 einziehen müssen. Ein zum Judenhaus deklariertes Gebäude. Dort waren die Juden abgeschottet von den Ariern, die es sich derweil in den leeren Wohnungen gemütlich machten. Sophie Baum nahm noch weitere Juden bei sich auf: Bernhard und Liselotte Katz sowie Richard Rothschild. Die Geschwister Jacob und Berta Herz, Henriette Rindskopf und ihren Sohn Hans, der das Down-Syndrom hatte. Im Frühjahr 1942 wurden die Werdener Juden mit über 350 anderen Essenern zum Sammelpunkt am Düsseldorfer Schlachthof transportiert. Abfahrt des Sonderzugs „Da 52“ mit zwanzig Personen- und Gepäckwagen war am 22. April um 11.06 Uhr. Das zynische Kürzel „Da“ stand für „Davids-Zug“. Für 941 Juden ging es ins Durchgangsghetto Izbica in der Nähe der polnischen Stadt Lublin. Izbica war aber nur der Vorhof zur Hölle, denn von dort aus ging es weiter in die Vernichtungslager Bełżec, Majdanek und Sobibór.

Die CDU Werden hatte Martina Strehlen (2.v.r.) eingeladen: Ratsfrau Martina Schürmann sowie die Bezirksvertreter Herbert Schermuly (l.) und Hanslothar Kranz.
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Der Vortrag von Martina Strehlen in den Domstuben war sehr gut besucht. 
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