Die 94-jährige Ruth Weiss überlebte den Holocaust und sprach im GEW
Plötzlich war alles anders

Lutz Kliche liest aus dem Buch „Wege im harten Gras“ von Ruth Weiss.
Foto: Bangert
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Sie entkam den Vernichtungslagern, dem Holocaust, aber nicht dem Rassenwahn. Am 26. Juni 1924 wurde sie in Fürth als Ruth Löwenthal geboren.

Die inzwischen 94-jährige Ruth Weiss empfindet ihr hohes Alter als Geschenk und zugleich als Verpflichtung, den nachfolgenden Generationen zu berichten: „Nur wer die Geschichte kennt, kann verhindern, dass das Gleiche noch einmal passiert.“ Die Wirtschaftsjournalistin und Schriftstellerin schildert im Gymnasium Essen-Werden ihre Kindheit und die Jahre in Nazideutschland. Lutz Kliche unterstützt sie dabei und liest Passagen aus ihrem Buch „Wege im harten Gras“, in welchem sie über die Flucht ihrer jüdischen Familie vor dem Naziterror schreibt.

Da stimmte etwas nicht

Ruth Weiss erinnert sich: „Wir wohnten auf dem Dorf und ich war in der Schule das einzige jüdische Mädchen. Aber wir gehörten dazu. Es war eine wunderschöne Kindheit. Wir wurden von den Nachbarn zu Festen eingeladen. Ich radelte mit meinen Freunden durch die Gegend, wir spielten im Wald. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich das ändern könnte. Aber das tat es.“ Denn plötzlich war alles anders. Es kam das Jahr 1933 und Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt: „Meine Eltern flüsterten, meine Mutter hatte rote Augen.“ Auf dem Weg zur Schule sah sie erstmals eine Hakenkreuzfahne. Als Ruth ankam, stimmte etwas nicht: „Ich ging auf meinen Platz und merkte zuerst gar nicht, dass ich allein war.“ Ihre Nachbarin Bettie saß jetzt woanders. Dabei hatte sie ihr noch ins Poesiealbum geschrieben: „Deine immer treue Schulbankfreundin.“ Aus und vorbei. In der Pause wurde die Achtjährige von den Mitschülern gemieden. Auch der Lehrer ignorierte sie, die bis dahin eine so gute Schülerin gewesen war.

„Kauft nicht bei Juden!“

Die Zeiten hatten sich geändert: Der Reichstag brannte, beim ersten Boykott-Tag hieß es „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“. Die jüdischen Beamten wurden entlassen, kurz darauf die nichtarischen Angestellten. Onkel Jakob war mit einer Schickse zusammen, einem nicht-jüdischen Mädchen. Dafür wurde er fürchterlich zusammengeschlagen. Nach wenigen Wochen verlor der Vater seinen Posten, zog die Familie fort nach Fürth, ging Ruth auf die Israelitische Realschule wie schon ihre Schwester Margot. Deren Klassenkamerad Heinz Kissinger nannte sich später Henry und wurde Außenminister der USA. Der Vater fuhr noch 1933 zu einem Verwandten nach Südafrika und eröffnete in Johannesburg ein Lebensmittelgeschäft. Seine Frau und die zwei Töchter blieben zunächst bei den Großeltern und folgten dann 1936. Und zwar in letzter Minute, denn Südafrika wollte die „Massenemigration“ verbieten. In Hamburg bestiegen sie den Frachter Tanganyika, der auch Passagiere mitnahm: „Wir waren in der 3. Klasse eingepfercht, zusammen mit den anderen Flüchtlingen. Wir besaßen keinen richtigen Pässe und überhaupt kein Geld.“ Sechs lange Wochen immer die Westküste Afrikas entlang.

Ein anderer Rassismus

Endlich in Johannesburg angekommen, sollte nun alles besser werden. Das war ein naiver Irrtum. Der Vorort Mayfair war eher ärmlich, doch alle Familien hatten schwarze Dienstboten. Jenny war so eine Bedienstete und brachte ihr Baby mit. Die Mädchen spielten mit dem Kind, die Mutter nahm es auf den Arm. Wenig später erschien eine Armada von vier besorgten Nachbarinnen: „Man fasst kein schwarzes Kind an, das gehört sich nicht. Das ist hier ein Verstoß gegen die guten Sitten.“ Ruth begriff sofort „dass es in Südafrika gleiches Recht für alle gab, nur nicht für Schwarze, genau wie es in Fürth nur gleiches Recht für Arier gegeben hatte“. Ihre Klassenlehrerin in Johannesburg hieß Miss Schlesin. Erst viel später erfuhr Ruth Weiss, dass diese Sonja Schlesin davor die Sekretärin des indischen Rechtsanwaltes Ghandi gewesen war, der später als Mahatma die Welt veränderte. Als dann der Krieg zu Ende war, kam der Schock. Südafrika war bis dahin abgeschottet: „Wir hatten keine Ahnung. Es war furchtbar, als wir von den KZs erfuhren.“ Ruth Löwenthal heiratete Hans Weiss, wurde politisch engagierte Journalistin, lebte später in England und nun wieder in Deutschland: „Ich hatte nie Berührungsängste, habe differenziert und nicht alle Deutsche in einen Topf geworfen.“

Lutz Kliche liest aus dem Buch „Wege im harten Gras“ von Ruth Weiss.
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Die 94-jährige Ruth Weiss floh vor den Nazis nach Südafrika.
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