Smart City – Ist eine vernetzte Stadt überhaupt sinnvoll? – Ein Faktencheck 

Blick vom Rathausturm/ Gelsen-Net-Techniker. Montage: Landgraf
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1. „Digitale Modellstadt“: Ist das Projekt gut für Gelsenkirchen?

Ja. Die Stadt genießt den Ruf, eine der ärmsten Städte Deutschlands zu sein, und sollte an allen Förderprojekten teilnehmen, die ihr angeboten werden. 91 Millionen Euro stellt das Land fünf Modellkommunen zur Verfügung, darunter Gelsenkirchen, die vom NRW-Wirtschafts- und Digitalisierungsminister zur „Digitalen Modellstadt“ in Nordrhein-Westfalen ernannt wurde.
Außerdem soll Gelsenkirchen die Stadt werden, in der als erste der neue Mobilfunk-Standard der fünften Generation angewendet wird - zukünftig, denn 5G gibt es ja noch nicht.
Ziel der digitalen Modellkommunen soll sein, zusammen mit Bürgern, Vereinen, Verbänden, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltungen Ideen für Smart-City-Lösungen zu entwickeln.
Themenschwerpunkte sind Mobilität, Energie, Gesundheit, Wissenstransfer und Start-ups, eHandel, Tourismus 4.0, digitale Kreativquartiere, Bildung, Sicherheit oder Smart Home denkbar.

2. Bringt die digitalisierte Stadt alle Menschen nach vorne?

Nein. Denn es gibt immer noch viele, vor allem ältere Menschen, die sich mit der Computertechnik oder Internet gar nicht befassen wollen oder können. Sie stehen teilweise schon vor Ticketautomaten wie der Ochs vorm Berg.
Dass Digitalisierung auch Gefahren beinhaltet, wurde auf dem Neujahrsempfang der Stadt Gelsenkirchen nicht verschwiegen. Prof. Dr. Armin Grunwald, Leiter des größten Instituts für Technikfolgenabschätzung, nahm zu einige Punkten Stellung. Kaum einer verstehe mehr, wie ein Auto funktioniere, weil es eigentlich eher ein Computer sei, gab er zu bedenken. Der technische Fortschritt verlaufe zwar immer schneller, doch gebe es auch eine größere Anzahl an Wissenschaftlern und Ingenieure. Die Gefahr, dass ältere Menschen in der Gesellschaft durch die Technik abgehängt werden, sieht er aber weniger, denn „sie haben in den letzten fünf Jahren ordentlich aufgeholt“.
Grunwald sagte, dass ohne das Internet die Welt verhungern würde, weil die Logistik zusammenbreche. Zitat: „Wir sollten die analoge Welt wieder für uns entdecken und uns offline Zeiten gönnen. Denn wir sind analoge Lebewesen und keine Avatare.“

Dass alle Gelsenkirchener Schulen ans Netz gebracht worden sind, bedeutet aber einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle. Abgehängt wären tatsächlich diejenigen Schüler, die nicht die „digitale Schule“ durchlaufen. Sie hätten Nachteile für ihre Folgeausbildung. Laut Oberbürgermeister Baranowski könne jede Schule mit interaktiven Whiteboards ausgestattet werden – digitale Tafeln, die die alten Schultafeln ersetzen. Das sei das „Ende der Kreidezeit“.

3. Schadet das Internet dem Einzelhandel?

Das Internet wird fürs Einkaufen genutzt. Klar, das ist ein Riesenmarkt, aber jeder Online-Shop ist auch Konkurrenz für den stationären Einzelhandel. Vor allem wird die gängige Praxis kritisiert, dass Kunden sich im Fachgeschäft beraten lassen, anschließend aber „billig“ im Internet bestellen. Da dürfen Bürger sich nicht über Leerstände der Läden in der City beschweren. Auch hier gilt der oben genannte Grundsatz: „Wir sind analoge Lebewesen“. Man kann es auch umkehren: Sich im Internet über Eckdaten informieren, um dann im Laden das Produkt ganz zielgerichtet anzuschauen, anzufassen, auszuprobieren und zu KAUFEN.

4. Gelsenkirchen soll in der Bundesliga spielen, was die Vernetzung mit Glasfaserinternet anbetrifft.

Die Glasfaservernetzung sei bereits weit vorangeschritten, so berichtet die Stadt, was auch der Hauptgrund gewesen sei, dass Gelsenkirchen Modellregion wurde.
Alle 86 Gelsenkirchener Schulen seien bereits ans schnelle Netz angeschlossen. In diesem Jahr sollen sogar alle 123 Kindergärten mit angebunden werden. Rund 32.500 Schülerinnen und Schüler sowie etwa 12.000 Kindergartenkinder könnten den Internetzugang nutzen.
Auch die Gelsenkirchener Krankenhäuser sowie eine große Reha-Klinik sollen bereits mit dem schnellen Netz verbunden sein.
Außerdem seien mehr als 800 Unternehmen und im privaten Bereich über 5.000 Wohneinheiten angeschlossen.
Im Stadtgebiet befinden sich über 250 Hotspots für freies WiFi über Glasfaser. Von den 240 Mobilfunk-Masten seien bereits 44 mit Glasfaser erschlossen.

5. Ist Glasfaser wirklich schneller?

Auf jeden Fall. Gegeben sein muss nur, dass die Leitungen auch bis zum Nutzeranschluss reichen. Aber genau das wird in Gelsenkirchen angeboten. Ist die letzte Strecke zum Kunden durch Kupferkabel zu überbrücken, wird die Übertragung wiederum ausgebremst.

So heißt es in der PC-Welt: „Die Datenübertragung per Lichtimpuls ist nicht anfällig gegen elektromagnetische Störungen und über eine lange Leitungsstrecke ohne merkliche Signalabschwächung möglich. Schon jetzt gibt es Angebote für Glasfaserinternet mit einer Bandbreite von 1 GBit/s. Allerdings muss die Glasfaserleitung dafür bis in die Wohnung reichen (FTTH, Fibre-to-the-Home) – das ist teuer und aufwendig. Ein wirtschaftlicherer Weg zu höherem Internettempo führt deshalb über die Nutzung der beim Kunden vorhandenen Kupfer-oder Koaxialkabel. Je länger diese sind, desto mehr bremsen sie aber die Datenübertragung. Deshalb muss das Glasfasernetz so nahe wie möglich bis zum Kunden reichen – am besten bis in den Keller oder einen anderen zentralen Verteiler im Gebäude (Fibre-to-the-Building): Von da führt nur eine kurze Leitung mit sehr hohem Tempo zum Onlineanschluss. M-net zum Beispiel nutzt dafür die VDSL-Technik G.fast mit bis zu 1 Gbit/s.“
FAQ: 10 Fragen & Antworten zu VDSL und Glasfaser, online 27.11.2017

Autor:

Harald Landgraf aus Gelsenkirchen

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