Autor Hermann Wenning: "Versoffene Jugend"
Ehemaliger Drogenabhängiger berichtet offen und ehrlich über seine Sucht

Sein Ehrgeiz und seine Erfolge im Laufsport brachten ihn von den Drogen weg. Foto Heinz Feußner/Hamm
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Viele Kamener hatten sich auf den Erfolgsautor Hermann Wenning gefreut, der am 20. Januar im Cafe Familienbande seine Bücher "Versoffene Jugend" und "Lauf zurück ins Leben" vorstellen wollte. Jetzt muss die Lesung coronabedingt leider ausfallen und auf den 12. Mail verschoben werden. Als "Trostpflaster" stellt der Stadtspiegel das bewegte Leben Hermann Wennings in einem Exklusiv-Interview vor.
"Alkohol steht überall bei uns herum … in der Garage, im Keller, im Kühlschrank. Alkohol, die legale, gesellschaftlich anerkannte Volksdroge, ist überall und zu jeder Zeit zugänglich. Keine Feier, kaum ein Anlass in diesem Land wird ohne Alkohol bestritten" - ein Zitat aus seinem Buch "Versoffene Jugend".

Wenning war im Alter von 17 Jahren bereits alkoholabhängig und stürzte später auch in die Drogenszene ab. Foto: privat
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So erlebte es Hermann Wenning, der im Münsterland aufwuchs und bereits als Jugendlicher alkoholabhängig wurde und später in die Drogenszene abdriftete.  Über 20 Jahre lang war er abhängig, doch er schaffte den Absprung. Inzwischen ist er 15 Jahre alkohol- nikotin- und drogenfrei. Durch den Laufsport fand er zurück ins Leben und betreibt seit über 10 Jahren Suchtprävention in Schulen, Kliniken und Gefängnissen.

Ein Foto, als er 32 Jahre alt war, inzwischen voll auf Drogen. Foto: privat
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Führte damals ein schlechter Umgang in die Szene?
"Nein. Allerdings muss ich sagen, dass in meinem Umfeld sehr viel Alkohol getrunken wurde. In der Verwandtschaft, im Freundeskreis, im Fußballverein und teilweise sogar in der Schule. Als wenig selbstbewusster Junge habe ich dann die Gelegenheiten genutzt, um mit Alkohol meine Unsicherheit zu kompensieren. Im Alter von 13 Jahren hatte ich eine Alkoholvergiftung. Mit 15, 16 Jahren habe ich dann sehr oft die Grenzen überschritten. Mit 17 war ich alkoholabhängig.
Als Quartalstrinker hatte ich mein Leben so einigermaßen im Griff. Das änderte sich schlagartig, als ich mit 31 in einer Disco die erste Ecstasytablette schluckte. Innerhalb von vier Wochen war ich drogenabhängig und es folgte der komplette Absturz mit Arbeitslogigkeit, Obdachlosigkeit, Kriminalität und Knast. Vor Gericht oder in der Therapie konnte ich nie sagen, dass Familie oder falsche Freunde für meine Abhängigkeit verantwortlich waren."

Seine Lesungen sind stes gut besucht. Foto: Heinz Feußner Hamm
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Stellen Alkohol und Drogen besondere Probleme in ländlichen Regionen dar?
"Alkohol bringt überall Probleme mit sich, da es die Volksdroge Nummer eins ist. Früher vieleicht mehr auf dem Land. Aber man muss nur durch die Innenstadt oder zum Bahnhof gehen, dann sieht man dort viel Elend. Doch das Land hat beim Konsum von Drogen drastisch aufgeholt. Denn inzwischen ist es relativ leicht, im Internet Drogen zu bestellen."
Gibt es, neben dem Sport und Ihrem Willen, noch Menschen, die Sie unterstützt und Ihnen geholfen haben?
"Am Ende meines ersten Buches habe ich mich bei sehr vielen Menschen für ihre Hilfe bedankt. Natürlich bei Familie und Freunden. Wenn man 20 Jahre in der Abhängigkeit weilt, trifft man viele Menschen in Beratungsstellen, Kliniken, sozialen Einrichtungen oder bei Hilfsorganisationen auf der Straße. Bei allen, die mich mehr oder weniger unterstützt haben, hier noch einmal ein dickes Dankeschön!"
Ist die Versuchung manchmal groß, auch heute noch ein Glas Bier oder eine Zigarette zu rauchen?
"In den ersten fünf Jahren war die Versuchung oftmals groß. Danach trat der Suchtdruck kaum mehr auf. Heute bin ich 16 Jahre clean von allen legalen und illegalen Drogen und habe seit über acht Jahren keinerlei Verlangen."

Pläne für die Zukunft?
"Wenn man drauf ist, verliert man früher oder später alles. Doch wenn man den geraden und ehrlichen Weg einschlägt, erfüllen sich viele Wünsche von allein. Ich bin gesund,  treibe viel Sport, habe wieder sehr guten Kontakt zu Familie und Freunden. Ich gehe gerne zur Arbeit, konnte inzwischen drei Bücher veröffentlichen und erzähle in Schulen gerne aus meinem Leben. So kann es weitergehen. Wenn im Herbst das viertes Buch, mein erster Roman erscheint, dann wird auch 2022 ein sehr gutes Jahr."
Das Leben ist...
"... schön, weil es interessant, viele Facetten hat und definitiv die beste Droge ist."

Foto: Robert Szkudlarek/Hamm
Autor:

Anja Jungvogel aus Hagen

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