Strukturwandel, Finanzkrise, persönliche Schicksale beim "New Industries Festival"

Dortmunder U - Quartier des New Industries Festival
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Erst Hoesch, dann Opel ... alle machen dicht, Brachland, Armutsregion .... tschüss Ruhrgebiet, die Industrie geht nach China, Indien oder sonst eine Billigstlohn-Republik ....

Grundlegende Verschiebungen in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik sowie in der Arbeits- und Alltagswelt gehen in unsere aktuelle Lebenswelt ein. Die Politik kann sich kaum noch an ihr Versprechen der sozialen und kulturellen Teilhabe erinnern.
Kurz bevor hier die Lichter ganz ausgehen, mischen sich nun die Intellektuellen der Kunstszene ein.

Das Kreativquartier im Dortmunder U richtet zusammen mit dem HMKV Hartware MedienKunstVerein, Urbane Künste Ruhr, der TU Dortmund und der U2_Kulturelle Bildung noch bis Januar 2014 das New Industries Festival aus.

Es geht dabei um den sogenannten Strukturwandel und dessen Folgen. Fragen tauchen auf wie "Welche Industrien haben das Ruhrgebiet geformt und prägen uns heute?" "Was passiert mit Menschen und Landschaften im Prozess der (De-)Industrialisierung?" "Wie vertragen sich die alte Industriekultur und die neue Kulturindustrie?" "Wie wirkt sich der Strukturwandel global aus?"

Die Forschungsabteilung "Industrial (Research)" dokumentiert historische und aktuelle Arbeiten und Projekte, sie sich mit diesen Fragen auseinander setzen. Hier wird nicht nur untersucht, was die Industrie an den Altstandorten hinterlassen hat, sondern auch, wie sie sich in Billiglohnländern neu aufgestellt hat und unter welchen Bedingungen dort produziert wird.
HMKV, Dortmunder U, Ebene 6 (Galerie) bietet Besuchern die Gelegenheit, in den Recherche-Prozess der beiden Kunst-Kuratoren Inke Arns und Thibault de Ruyter mit einzusteigen: In Bildbänden blättern, Videos sichten und Dokumente durchforsten. Industrial (Research) lädt die Besucher in das Back Office einer noch zu realisierenden Ausstellung ein.

Auf der 3. Ebene des Dortmunder U läuft schon die passende Ausstellung für die Finanz-Geschädigten. Das "Requiem für eine Bank" wird von internationalen Künstlern aus der Medienkunst, Bildenden Kunst, Performance und Architektur gehalten.
Untersucht werden die technologischen und politischen Bedingungen für den rasanten Wachstum der Finanzmärkte seit den 1970er Jahren sowie der Wandel unserer Vorstellungen vom Baren zu virtuellen Hochrisikopapieren, die zur globalen Finanzkrise von 2008 führten.
Gezeigt werden sowohl Rückkopplungs-Effekte der Finanzwirtschaft mit heutigen Arbeits- und Alltagswelten als auch positive wie negative Zukunftsszenarien.

Beeindruckt hat mich beim Rundgang die Videoinstallation "Middlemen" von Aernout Mik.
Das 2001 gedrehte Video zeigt ein fiktives Börsenpanorama nach dem vielleicht finalen, großen Crash. Man assoziiert möglicherweise den im November bevorstehenden großen Shut Down der überschuldeten USA ... Wir sehen Börsenmakler in dem mit Daten zugemüllten Parkett. Apathische Trader, die nur noch ab und an zusammenzuckende körperliche Hüllen sind. Sie sind keine Gewinner des Systems, sondern Unterworfene, die den "Preis des Geldes" mit ihren Körpern garantieren.

Rybn.org initiierte 2011 eine Arbeit, die sich bis heute mit der Performativität der Finanzmärkte befasst. Der Trading-Bot ADMS ist ein Algorithmus, der selbständig auf den Märkten Handel betreiben kann. Ausgestattet mit einem Startkapital endet die Performance, wenn der Bot bankrott geht. Das selbstmörderische Verhalten der Finanzmärkte wird in einer Audioumgebung präsentiert, die Marktbewegungen in Töne übersetzt und in dieser Form auch in realen Handelssälen eingesetzt wird.
Der Besucher kann sich währenddessen vermeintlich sicher und wohl fühlen. Im angenehm lichtgedimmten Ruheraum kann er sich auf einer Couch ausruhen, währenddessen die Börsendaten monoton wie ein Wiegenlied abgesungen werden. Grafiken und Anleitungs-Bücher gaukeln ihm eine Entscheidungskompetenz vor, die schon lange nicht mehr gegeben ist.

Verunsichernd aber auch amüsant kommt die Mixed Media-Installation aus Bildern, Texten und Animation von Tobias Revell daher, mit der er mögliche Zukunftsszenarien für das weltweite Finanzsystem entwirft. In einer spekulativen Recherche sammelt Revell Dokumente und Fundstücke aus dem Jahre 2040. Erst beim Nachdenken über das Gelesene merkt man, dass die medizinischen Berichte über Hautveränderungen aufgrund verstärkter Streß-Einwirkung doch gar nicht stimmen können - oder vielleicht gibt es doch schon erste Probanden ... in isolierten Laboren ...?

Wer lieber mit realen Menschen konfrontiert wird, ist beim performativen Rundgang als Teil der Ausstellung "Requiem für eine Bank" richtig. Der deutsche Künstler Jens Heitjohann gesteht nicht nur "I promise, I am the future", er führt es dem Besucher bei einem originellen unterhaltsamen Rundgang durch das Dortmunder Unionsviertel etwa zwei Stunden lang vor Augen.

Heitjohann hat mit seinem jungen Team von zwei Frauen und einem weiteren Mann in nur zwei Monaten Vorlaufzeit eine Mitmach-Realtheater-Show unter Einbindung von Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern auf die Beine gestellt. Spielorte sind außer dem Dortmunder U und der alten Hösch-Zentrale auch Ladenlokale, öffentlicher Straßenraum und eine Privatwohnung.
Die unterschiedlichsten Personen begleiten den Besucher und texten ihn zu mit ihren Lebensschicksalen, Hoffnungen und Visionen. Heitjohann lässt die Realistischen, Hoffnungsvollen und Frustrierten zu Wort kommen. Ehemalige Dormunder und Neubürger, Kinder, Lebenskünstler, Verständnisvolle und ins System Eingebundene schildern ihren Alltag, ihren Bezug zur Stadt oder ihre persönliche Lebensstrategie.
Geld und Schuld soll das Thema sein, aber schnell kreist das Gespräch um finanzielle Bilanzen und Lebensbilanzen. Brüche als Chancen für einen Neubeginn werden hinterfragt. Stolz auf die Arbeitsleistung steht neben Scham über eigenem Versagen. Alltags-philosophische Gedanken hinterlassen Denkspuren. Der durch das Viertel geleitete Besucher möchte sich äußern, Verständnis zeigen, Ratschläge geben, diskutieren - aber er wird jeweils auf sich selbst zurück geworfen. Was vom Rundgang bleibt ist das vage Gefühl, dass man selbst einer dieser Betroffenen sein könnte, aber welcher davon, oder wieviel von wem? Wie geht man selbst mit seinem Schicksal um, nimmt man sein Leben wirklich in die Hand?

Lassen Sie sich doch auch mal auf diese bereichernde Denkstunde ein - performative Rundgänge gibt es wieder an den Sonntagen vom 20. Oktober bis zum 17. November, jeweils von 13.00 bis 18.00 Uhr, Kosten 6 €, Anmeldung und weitere Informationen: www.hmkv.de.

Autor:

Dorothea Weissbach aus Oberhausen

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