Kein stilles Örtchen für LKW-Fahrer im Pröbstingholz
Befragung der Wirtschaftsförderung zeichnet ein düsteres Bild

Die LKW-Fahrer übernachten im Gewerbegebiet. Doch das ist kein Autohof. Toiletten fehlen. Foto: Anja Jungvogel
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Die Naturfreunde Kamen hatten den Stein ins Rollen gebracht: Mit ihrer Beschwerde, dass LKW-Fahrer, die  ihre "Ruhezeiten" im Pröbstingholz einhalten müssen, dort auch ihre Notdurft verrichten. Am nahe gelegenen Logistikzentrum stünden schließlich keine Toiletten zur Verfügung.
In den Bäumen und im Gehölz flattern Feuchttücher umher, die von LKW-Fahrern benutzt worden sind. Zudem liegen überall in den Büschen, rund um die Gießer- und Schlosserstraße, menschliche Exkremente als auch Müll herum.
„Wenn die Fahrer, die aus allen Teilen Europas kommen, das DHL-Lager erreichen und die Tore verschlossen sind, verbringen sie oft das ganze Wochenende hier“, weiß Heribert Jurasik von den Naturfreunden Kamen. „Doch das hier ist kein Autohof. Es gibt vor dem Pröbstingholz weder Duschmöglichkeiten noch Toiletten.“
Und die Nutzung der Sanitärräume auf dem Gelände der DHL sei nicht möglich, da das Logistikunternehmen seine Tore freitags um 18 Uhr schließt. Wo sollen die LKW-Fahrer in den Abendstunden oder am Wochenende ihre Notdurft verrichten?
Auf Anfrage beim Logistiker sagte man Jurasik, dass man für die Fahrer aus dem Ausland nicht zuständig sei. Das Gelände vor dem Lager sei städtisch, teils Unnaer und auch Kamener Gebiet.
„Die Aussage des DHL-Sprechers ist beschämend. Auch wenn es keine DHL-Fahrer sein mögen, sind es doch Menschen - ob aus dem Ausland oder aus Deutschland.“ 
Die Waldwege unterhalb des Pröbstingholz würden übrigens auch von vielen Wanderer genutzt. „Überall liegen Feuchttücher und Dreck - kein schöner Anblick!“  
Die Naturfreunde haben in dieser Sache nicht nur an DHL und an die Ordnungsämter der Städte Kamen und Unna gemeldet, sondern zudem Kontakt zum Vorsitzenden des „Deutschen Berufskraftfahrer Verbandes“ aufgenommen. Dieser würde befürworten, dass man mobile Toiletten und Duschmöglichkeiten aufstellen lässt. „Ich habe dazu mit diversen Brummi-Fahrern gesprochen“, erklärt Heribert Jurasik. „Diese bestätigten mir, dass sie bereit wären, für die Nutzung von Sanitäranlagen ein angemessenes Entgelt zu leisten.“

Umfrage der WFG

Nun beschäftigt sich auch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) mit diesem Thema und hat unter den Brummi-Fahrern eine Umfrage gestartet, bei der sich ein düsteres Bild des modernen Truckerlebens – meilenweit entfernt von jeglicher Fernfahrerromantik, abzeichnet.
Die LKW-Fahrer hätten ihre Ziele zum größten Teil bei Firmen im Gewerbegebiet, das am Naturschutzgebiet Pröbstingholz grenzt.
Das Ergebnis der Umfrage schaffe die Grundlage, um mit den ansässigen Firmen über mögliche Lösungsansätze zu diskutieren, den LKW-Fahrern das Leben ein bisschen leichter zu machen und die Belastungen für Anwohner und Natur zu minimieren. Den LKW-Fahrern sei dabei kein Vorwurf zu machen, sie haben kaum eine andere Chance, ihre Notdurft zu verrichten, als in der freien Natur.

Zwei Befragungsrunden

In zwei Befragungsrunden, eine in der Woche in den Abendstunden und eine am Wochenende, hat die WFG das Gespräch mit den im Gewerbegebiet parkenden LKW-Fahrern gesucht. Unterstützt wurde sie dabei durch vier Dolmetscher aus dem Sprachmittlerpool des Kommunalen Integ-rationszentrums Kreis Unna und durch zwei Mitarbeitern des Ordnungsamtes der Stadt Unna. „So konnten wir mit den meisten LKW-Fahrern in ihrer Muttersprache reden und hatten gleich einen ganz anderen Zugang zu ihnen“, erklärt WFG-Wirtschaftsförderin Sabine Radig.
Mit polnisch, russisch und weißrussisch, bulgarisch, rumänisch und türkisch konnten die LKW-Fahrer angesprochen werden, „nur bei einem ungarischen Fahrer hatten wir Pech, da dieser auch weder englisch noch deutsch sprach“, so Radig. Auch die Naturfreunde Kamen unterstützten die Umfrage mit eigenen Recherchen.
Insgesamt wurden 21 LKW-Fahrer befragt, acht an einem Sonntag und 13 an einem Abend unter der Woche. Nur vier Fahrer wollten oder konnten keine Auskunft geben, weitere vier Fahrer hielten sich nicht in ihren Fahrzeugen auf.
Fast alle (über 85 Prozent) der befragten LKW-Fahrer hatten einen direkten Bezug zu Unternehmen im Gewerbegebiet Unna-Nord. Die Verweildauer der LKW-Fahrer im Industriegebiet lag zu über 90 Prozent unter 24 Stunden.
Am Wochenende stammten die meisten der befragten Fahrer aus Weißrussland, Russland und Polen. Sie fuhren zumeist für Speditionen aus Litauen. Zu dieser Zeit haben die meisten Betriebe im Gewerbegebiet ihre Tore geschlossen, nur ein Unternehmen fertigt auch am Wochenende ab und bietet dann auch Zugang zu Toiletten, ein weiteres Unternehmen hat für die LKW-Fahrer zumindest eine mobile Dixie-Toilette aufgestellt. „Die soll aber häufig stark verschmutzt sein, so dass die LKW-Fahrer sie verständlicherweise nicht nutzen möchten“, berichtet Karin Rose.
Unter der Woche zeigt sich ein etwas anderes Bild: Überwiegend stammten die befragten Fahrer dann aus Deutschland, gefolgt von denen aus Polen und aus Weißrussland und Russland. Doch wie am Wochenende schließen die meisten Unternehmen abends ihre Tore, nur ein Unternehmen fertigt durchgängig ab, ein anderes bietet den Fahrern Zugang zu einer Tankstelle und damit auch zu sanitären Anlagen.
Im Rahmen der Umfrage wurden die LKW-Fahrer auch bezüglich ihrer Wünsche für die Zukunft gefragt: Hier nannten die LKW-Fahrer einen festen Parkplatz mit sauberen Toilettenanlagen und einer Waschgelegenheit als größten Wunsch. Stromanschlüsse oder Internetzugänge sind für die Fahrer eher von untergeordneter Bedeutung. Allerdings hat die Sicherheit eine sehr hohe Priorität. „Viele haben Angst vor den sogenannten LKW-Schlitzerbanden, die auf Rastplätzen in der Nacht die Planen aufschlitzen und die Fracht stehlen“, erklärt dazu Sabine Radig.
Mit den Ergebnissen der Umfrage wird die Wirtschaftsförderungsgesellschaft nun an die betreffenden Unternehmen und die beteiligten Kommunen und Ämter herantreten, um gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Der Zeitpunkt dafür hängt von der Kooperationsbereitschaft aller Beteiligter ab.

Autor:

Anja Jungvogel aus Unna

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