Noch 1 Tag bis zur WM: Klaus Fischer ist unser WM-Kolumnist

Jetzt können wir die Stunden zählen bis zum Anpfiff. Grafik: dab
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Von Marc Keiterling

Einen Vize-Weltmeister von 1982, der außerdem Bundesliga-Rekordtorschütze des FC Schalke 04 ist, vorstellen? Nicht nötig, Klaus Fischer hat in den Fußball-Annalen seine unauslöschlichen Spuren hinterlassen. Nicht nur wegen seiner legendären Fallrückziehertore.

Auch im hochdramatischen WM-Halbfinale vor 36 Jahren landete er einen solchen Volltreffer. In der 108. Spielminute glich Fischer zum 3:3 aus und ebnete Deutschland den Weg ins Elfmeterschießen. Hier sorgte Horst Hrubesch letztlich für den Finaleinzug. Dort gab es beim 1:3 gegen Italien allerdings nichts zu holen.
In den kommenden Wochen wird Klaus Fischer Sie, liebe Leser, mit seinen Kolumnen durch die WM begleiten. Jeweils zu den deutschen Spielen gegen Mexiko am 17. Juni, gegen Schweden am 23. Juni und gegen Südkorea am 27. Juni meldet sich der 45-fache Nationalspieler (32 Tore) zu Wort. Zum heutigen Auftakt in Form eines Interviews.

Klaus Fischer ist unser WM-Kolumnist

Freiburgs Stürmer Nils Petersen anstelle von Sandro Wagner im vorläufigen Aufgebot des Trainingslagers in Südtirol – hat Sie diese Nominierung von Joachim Löw überrascht?
Ein wenig schon. Wagner hat es beim Confed-Cup im letzten Jahr sehr ordentlich gemacht. Auf der anderen Seite war Petersen mit 15 Toren der zweitbeste Torjäger der abgelaufenen Bundesligasaison und hat außerdem in den Spielzeiten zuvor beim SC Freiburg bewiesen, dass er auch als Joker regelmäßig trifft.

Petersen statt Wagner – war das auch eine Charakterfrage?
Wenn du einen Spieler im Aufgebot hast von dem du denkst, der will mit aller Gewalt spielen, ist das sicher nicht unproblematisch. Ich will Wagner nichts unterstellen, doch Petersen hätte bei endgültiger Nominierung sicherlich kein Theater gemacht, wenn er Reservist gewesen wäre.

Wo sehen Sie die Stärken und die Schwächen in Löws Kader?

Dass wir keinen Robert Lewandowski haben, ist klar. Aber wir verfügen in der Offensive – ganz vorn drin und im Mittelfeld – über viele torgefährliche und flexible Leute. Auch die Defensive ist stabil, wenn wir mal das langjährige Problem auf der linken Verteidigerposition ausklammern. Jonas Hector macht es dort ordentlich, er ist aber kein Joshua Kimmich. Und Kimmich ist kein Philipp Lahm, jedenfalls noch nicht. Aber ich mache mir auch hier keine ernsthaften Sorgen. Zur Beantwortung der Frage: Ich sehe kaum Schwächen, viele Stärken, es ist ein ausgeglichener Kader auf hohem Niveau.

Torhüter Manuel Neuer reiste ebenfalls nach Südtirol, obwohl er seit September 2017 kein Spiel mehr bestritten hat. Gleichzeitig glänzte Marc-André ter Stegen als Stammtorwart beim FC Barcelona. Wird Spielpraxis allgemein überschätzt? Hätten Sie Neuer nominiert?
Die Entscheidung für Neuer ist absolut richtig. Er steht über allen, er ist der perfekte Torwart. Ich bin überzeugt, dass er nicht mal die ganz große Spielpraxis braucht, um auf seinem Top-Niveau zu agieren. In der Vorrunde wird er sich weiter für die K.-o.-Partien einspielen können. Die einzige Frage ist, ob der Knochen im Mittelfuß hält. Ter Stegen hat in Barcelona stark gespielt, er kann bedenkenlos eingesetzt werden. Doch die Klasse eines Manuel Neuer besitzt er nicht.

"Früher wurden Spieler für weit nichtigere Sachen rausgeschmissen"

Die beiden gebürtigen Gelsenkirchener Mesut Özil und Ilkay Gündogan sorgten Mitte Mai für großen Aufruhr, als sie sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan trafen. Sie bezeichneten den Mann, der wegen seines repressiven Vorgehens gegen die Opposition und die Presse sowie der Einschränkung der Menschenrechte in der Türkei international in der Kritik steht, dabei als "ihren Präsidenten". Wie hätten Sie als Verantwortlicher des DFB darauf reagiert?
Ich schätze 80 Prozent aller Fußballfans hätten die beiden aus dem Kader gestrichen. Ich auch! Wer in unserer Nationalmannschaft spielt, die Prämien mitnimmt, der muss sich auch ohne Wenn und Aber zu Deutschland bekennen! Özil und Gündogan hätten sich nicht benutzen lassen dürfen. Früher wurden Spieler für weit nichtigere Sachen rausgeschmissen. Unser Flügelstürmer Rüdiger Abramczik hat mal zu DFB-Präsident Hermann Neuberger gesagt, dass er keine Ahnung habe. Nicht vor Mikrofon und Kamera, wohlgemerkt. Neuberger war beleidigt und hat dafür gesorgt, dass Abi nicht mehr nominiert wird. Total überzogen, natürlich. Aber ganz klar: Ich hätte Özil und Gündogan nicht berufen!

Der Fallrückzieher 1982 im WM-Halbfinale gegen Frankreich war Ihr zweites Länderspieltor auf diese spektakuläre Art und Weise. 1977 gegen die Schweiz erzielten sie - nach Flanke Rüdiger Abramcziks – das "Tor des Vierteljahrhunderts". Wie viele Treffer haben Sie – Training ausgeklammert – insgesamt in dieser Weise geschafft?
Weniger als viele Leute denken. Insgesamt waren es drei Fallrückzieher in der Nationalmannschaft. Gegen die UdSSR in Frankfurt hat es auch mal geklappt, da wurde aber wegen gefährlichen Spiels abgepfiffen. Dann für Schalke 1975 in Karlsruhe und einmal nach der Profizeit 1990 in der Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft.

Sie sind auch heute noch – mit mittlerweile 68 Jahren – im Kader der Schalker Traditionsmannschaft. Angenommen es würde bei einem Einsatz eine passende Flanke hereinschweben...
...würde ich es immer noch versuchen. Also liebe Schalker Kollegen: Spielt mir bei Gelegenheit einen passenden Ball zu (lacht)!

Wer wird Weltmeister?

Die unausweichliche Frage zum Schluss: Wer ist Ihr Titelfavorit? Wie schneidet Deutschland ab?
Ich erwarte Spanien, Frankreich, Brasilien oder Deutschland als Weltmeister. In einem Halbfinale entscheiden dann letztlich oft Kleinigkeiten und auch Glück. Das konnte man zuletzt bei den Bayern sehen. Zweimal in der Champions League besser als Real und trotzdem zweimal ausgeschieden.

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