Stadtamsel und Waldamsel
Turboevolution vor der Haustür

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 Seid ihr Stadt- oder Landmenschen?
Während den meisten von uns zu jeder der beiden Lebensformen sowohl negative als auch positive Aspekte einfallen werden, ist das Lager der  Amseln   bezüglich des  bevorzugten  Lebensraumes  im wahrsten Sinne des Wortes völlig gespalten.   

Vor 200 Jahren suchte man Amseln noch  vergeblich in den Städten. Sie waren ausschließlich scheue Waldvögel- so wie ein Teil von ihnen noch heute. Doch seither hat ein Teil von ihnen die Vorteile des Stadtlebens kennen und schätzen gelernt. Diese Stadtamseln pass(t)en sich den neuen Gegebenheiten so schnell an, dass die Biologiebücher bezüglich der Evolutionsgeschwindigkeit eigentlich überarbeitet werden müssten. 200 Jahre sind im Bezug auf die 150 Millionen alte  Evolutionsgeschichte der Vögel  nur ein Wimpernschlag. Bis vor kurzem ist man bei Evolutionsprozessen und speziell der Ausbildung neuer Arten immer  von  viel längeren Zeiträumen ausgegangen.

Die größere Sicherheit vor menschlichen Jägern und Beutegreifern, die höheren Temperaturen gegenüber dem Umland, die teilweise das Ausweichen in Winterquartiere überflüssig machten, und nicht zuletzt das Futterangebot  und stets vorhandene (künstliche) Wasserquellen ließen die zukünftigen Stadtamseln zunächst in der kalten Jahreszeit und später dann ganzjährig in die Städte ziehen.

Das Stadtleben hat dazu geführt, dass die Amseln sich den neuen Gegebenheiten in Körperbau und Verhalten rasant angepasst haben:
Sie besitzen kürzere und dickere Schnäbel als ihre Verwandten im Wald, sind in der Regel schwerer und haben einen längeren Darm als diese.
Auch der Amselgesang hat sich verändert. Da die Lichter in der Stadt die neuen Zeitgeber sind, bleiben Amseln dort länger wach. Ihr Gesang setzt früher ein. Um gegen den Stadtlärm anzukommen, singen sie lauter, höher und die gesungenen Strophen sind kürzer.

In der Stadt lauern andere Gefahren als im Wald. Die ständige Präsenz von Menschen, streuende Katzen  und dichten  Verkehr  kennen die Waldamseln natürlich nicht. Sie finden in ihrem Lebensraum verlässlichere Umweltbedingungen vor. Dafür haben die Stadtamseln gelernt, mit dem Stress umzugehen.  Sie  verhalten sich  gegenüber Neuem vorsichtig  und sind  weniger neugierig als Waldamseln.
Da sie in den Städten dichter beieinander leben, bin ich mir ziemlich sicher, dass auch Kontaktkrankheiten - wie das unter den Amseln in den letzten Jahren grassierende Usutu-Virus - die Stadtamseln häufiger befallen. Untersuchungen zeigten jedoch, dass  die Sterblichkeit in den Städten insgesamt geringer ist und die oben angesprochenen Vorteile des Stadtlebens die stressbedingten negativen Auswirkungen auf die Gesundheit ausgleichen.

Tagtäglich verschwinden von unserem Planeten etwa150 Arten unwiderruflich, weil ihre Lebensräume und Lebensbedingungen vom Menschen vernichtet wurden. Hier dagegen werden wir wahrscheinlich selbst Zeuge, wie eine neue Art entsteht. Wenn sich die Stadt- mit den Waldamseln aus den oben genannten Gründen nicht mehr verpaaren können, weil sie sich z.B. am Gesang nicht mehr erkennen,  oder die dabei entstehenden Bastarde keine Jungen mehr zeugen können, sind nach der biologischen Artdefinition aus einer Art zwei geworden.

Die Auswirkungen, die die unterschiedlichen Lebensräume auf die Amseln haben, kommen mir auch bezüglich der Auswirkungen auf  den Menschenr bekannt vor.  Übertragungen  verbieten sich natürlich, auch wenn sie wegen einiger  Parallelen interessant wären.

Neben diversen Internetquellen habe ich einige Fakten

1)Menno Schilthuizen: Darwin in der Stadt (Die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel), München 2018

2) Einhard Bezzel: 55 Irrtümer über Vögel , Wiebelsheim 2019

3) Klaus Richarz: Vögel in der Stadt, Darmstadt 2015

entnommen, drei  Bücher , die ich ich an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen möchte.

Autor:

Bernd Dröse aus Essen-West

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