Zwei mal 40 mitten in Frohnhausen

Die Jubiläumsfeier von Martina Sonnenberg (rechts) und Doris Brodoch fand auf Usedom statt. Links: Pfarrer Werner Sonnenberg.
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  • Die Jubiläumsfeier von Martina Sonnenberg (rechts) und Doris Brodoch fand auf Usedom statt. Links: Pfarrer Werner Sonnenberg.
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Gleich zwei Jubiläen werden in diesen Tagen in der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Frohnhausen gefeiert: Seit 40 Jahren ist Martina Sonnenberg hauptamtlich in der Kindertageseinrichtung Postreitweg tätig und - ebenfalls seit vier Jahrzehnten - engagiert sich Doris Brodoch ehrenamtlich in der Gemeinde. Für den West Anzeiger blicken beide auf diese Zeit zurück:

Martina Sonnenberg: 40 Jahre hauptamtliche Tätigkeit in der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Frohnhausen. Leben und arbeiten in der in der evangelischen Kindertageseinrichtung Postreitweg
Meine ersten Gedanken zu diesem Jubiläum waren: „Wie ist das eigentlich möglich, solange an einem Ort zu arbeiten und dabei die Freude an der pädagogischen Arbeit nicht zu verlieren?“ Ich muss gestehen, eine Antwort darauf zu finden, fällt mir nicht leicht. Sie alle kennen das, die Jahre vergehen und wir wissen nicht, wo sie geblieben sind.
Die Kindertageseinrichtung am Postreitweg besteht seit dem Jahr 1962. Es war ein langer Weg vom Kindergarten bis zum heutigen Familienzentrum. 1962 trugen die Kindergärtnerinnen noch weiße Schürzen und wurden mit „Tante…“ angesprochen. Zu dieser Zeit bin ich selbst in den Kindergarten gegangen. Damals habe ich wohl, das weiß ich aus Erzählungen, schon beschlossen, selbst einmal in einer solchen Einrichtung zu arbeiten. In diesen Jahren waren noch nicht viele Mütter berufstätig und Rituale und Strukturen wurden zeitgemäß gepflegt, doch die Gesellschaft begann sich zu verändern. Politische Umbrüche fanden statt, neue andere Fragen wurden in den Familien an die bestehenden Lebensformen gestellt. Frauen wollten vermehrt berufstätig werden, finanziell unabhängig sein und auch Kinder haben. Das bedeutete für den Kindergarten als Institution reagieren zu müssen, um den neuen Bedarfen gerecht zu werden. Aus der Kindergärtnerin wurde die Erzieherin. Ich habe meine Ausbildung in den siebziger Jahren zur Erzieherin gemacht. Es war die Zeit der „Kinderläden“ und der „Antiautoritären Erziehung“. Wir haben uns an den Texten von A.S. Neill „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung am Beispiel Summerhill“ abgearbeitet. 1977 habe ich mein letztes Ausbildungsjahr (Anerkennungsjahr) im Kindergarten Postreitweg gemacht und dort 1978 eine Gruppenleiterinnenstelle übernommen. Die Jahre vergingen und in diesen Jahren habe ich etwa zehn Jahre lang in der Kindergottesdienstarbeit mitgearbeitet. Es war damals eine an den Familien orientierte Gestaltung. So gab es einen gemeinsamen Beginn und Ende des Gottesdienstes in der Markuskirche und Kleingruppenarbeit mit Eltern-, Kinder- und Konfirmandengruppen. 1995 wurde aus dem Kindergarten eine Kindertagesstätte mit einer Hortgruppe für Schulkinder. In den Jahren 2000 bis 2002 nahmen wir in wissenschaftlicher Begleitung an einem Modellprojekt zur Reggio-Pädagogik teil. 2007 machten wir uns auf den Weg zum Familienzentrum und sind seit dem Jahr 2008 mit dem Gütesiegel des Landes NRW zertifiziert. Im Jahr 2011 wurde die Kita mit dem NRW Preis: „Kultur prägt“, Künstlerinnen und Künstler begegnen Kindern und Jugendlichen, ausgezeichnet. Seit dem Jahr 2004 leite ich die Einrichtung und habe gemeinsam mit dem Team die Arbeit unter die Worte des Psalms 36,8 „Wie köstlich ist deine Güte Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben“, gestellt. Für uns als Team ist es wichtig, dass unser evangelisches Familienzentrum die Möglichkeit der Beratung, der Begleitung und Mitwirkung bietet. Wir orientieren uns an den Bedürfnissen von Familien und greifen diese mit Unterstützung verschiedener Kooperationspartner auf. Unser Familienzentrum soll offen für alle Menschen und Generationen in der Kirchengemeinde und im Sozialraum, unabhängig von religiöser und weltanschaulicher Orientierung, sein. Heute betreuen wir 95 Kinder im Alter von vier Monaten bis zu sechs Jahren.
In meiner Tätigkeit hat immer die Freude an der Vielfalt in der Arbeit mit Menschen und die Möglichkeit, etwas zu bewirken, eventuell auch Spuren zu hinterlassen, im Vordergrund gestanden. Hierbei weiß ich sehr gut, dass das nur in und mit einem Team, in dem wir uns aufeinander verlassen können und mit Gottes Hilfe und Begleitung, geschehen kann. Mir persönlich liegen besonders die religionspädagogische Arbeit, die kreative Arbeit in der KinderKunstKirche, die Friedenserziehung, das Achten auf unsere Mitwelten zur Bewahrung der Schöpfung und das Bild vom Kind, das aktiv am Aufbau seines Wissens im Alltag beteiligt ist, am Herzen. Das heißt für uns in der Kita: Die Mitarbeitenden begleiten die Entwicklung von Kindern, fördern Bildungsprozesse, ohne diesen vorzugreifen und setzen Impulse, wenn es nötig ist. Es ist gut zu hören, wenn Kinder Aussagen in Projekten machen wie: „Frieden, das ist ein blauer Himmel, eine liebe Sonne und ein kleines Kind im Garten.“ Oder: „Gott ist der Papa von Jesus.“ Und: „Wenn die Seele fliegen lernt, dann wird sie im Himmel sein.“ Und ganz einfach: „Im Frieden schenkt man sich Kuchen.“ Das sind Sätze von Kindern, die mich berührt haben, deshalb muss für mich die Kita ein Lebensraum sein, in dem sich Kinder und Familien aufgehoben fühlen und Begegnungen vielfältiger Art möglich sind und stattfinden können. Meine Kinder sind in diese Kita gegangen und groß geworden. Sie haben sich in ihren Gruppen sehr wohl und aufgehoben gefühlt.

Leben und arbeiten im Pfarrhaus

Nun bin ich ja nicht nur eine Erzieherin in einer evangelischen Kindertageseinrichtung, sondern lebe seit 25 Jahren in einem evangelischen Pfarrhaus der Kirchengemeinde Frohnhausen. Ich habe dazu einmal gesagt: „Ich bin nicht die berühmteste Pfarrfrau der Welt und will das auch gar nicht sein. Das war und bleibt Katharina Luther.“ Wie sie ihr Leben mit ihrer vielfältigen Schaffenskraft und Intelligenz in einem Pfarrhaus gestaltet hat, das imponiert mir sehr. Gerne stelle ich mich in ihre Nachfolge. Schon damals war das Pfarrhaus der Luthers ein offenes Haus. Das haben wir als Familie genauso 25 Jahre in dieser Kirchengemeinde gelebt. Unsere Türen waren immer offen für Menschen aus der Kirchengemeinde, für Bürgerinnen und Bürger im Stadtteil, für Kolleginnen und Kollegen, für Menschen am Rande unserer Gesellschaft, für Freundinnen und Freunde, auch für die unserer Kinder. In diesem Pfarrhaus und in dieser Kirchengemeinde habe ich viel erlebt. Es gab Höhepunkte und natürlich auch Tiefpunkte im Leben und in der Arbeit in diesen Jahrzehnten. Ich glaube, dass ich nichts von dem Erlebtem missen möchte. Manches hat weh getan, aber auch das gehört in unser Leben. Was viel wichtiger ist, bis heute gab es immer wieder viel Zuspruch, Ermutigung, Begleitung, Verständnis und die Sorge umeinander, die ich besonders bei den Mitarbeitenden am Apostelzentrum in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit spüren und erfahren durfte. Als Protestantin möchte ich immer wieder neue Wege suchen und gehen können. Das gehört in mein Leben und zum Verständnis meiner christlichen Prägung. Sarah und Joel sind in diesem Pfarrhaus aufgewachsen und haben das Leben vor Ort unterschiedlich erlebt. Für Sarah hatte das Pfarrhaus viele Facetten. Sie fühlte sich als Kind fest in der Gemeinde verankert und hat ein Gemeinschaftsgefühl erlebt, das man nicht so schnell woanders findet. Heute sieht sie auch, dass es nie eine 5-Tage Woche wie in anderen Familien gegeben hat. Das hatte Auswirkungen auf das Familienleben, da viele Veranstaltungen, nicht nur die Gottesdienste am Sonntag, am Wochenende stattfanden. Trotzdem fühlt sie sich nach wie vor in der Kirchengemeinde zu Hause und willkommen. Joel hat das Leben im Pfarrhaus nie eingeengt. Für ihn waren die Gottesdienstbesuche bis auf wenige Ausnahmen freiwillig. Er studiert heute, denkt, dass die Bibel ein Leitfaden für Menschen sein kann und sieht sich im Wesentlichen als Agnostiker. Leben und arbeiten in einem evangelischen Pfarrhaus ist für uns immer ein spannendes und vielfältiges Projekt geblieben.

Fazit

Ein paar Jahre werde ich noch jeden Morgen den Weg vom Apostelzentrum zum Markuszentrum machen. Das führt mir immer wieder vor Augen, was ich täglich bezirksübergreifend in dieser Gemeinde lebe, nämlich eine Verbindung zwischen zwei Kirchenzentren zu schaffen. Das ist mir mal mehr und mal weniger gelungen. Ich mache das allerdings immer noch gerne, weil ich das einen großen Teil meines Lebens selbstverständlich getan habe, ohne abzuwägen, welche Vorteile diese Verbindung bringen könnte, sondern einfach nur um der Menschen willen in dieser Kirchengemeinde, die meine Gemeinde ist.

Doris Brodoch: 40 Jahre Ehrenamt in der Kirchengemeinde Essen-Frohnhausen. Wo ist nur die Zeit geblieben?
40 Jahre sind vergangen, nicht im Flug, aber irgendwann schaut man doch zurück und denkt: „Das kann nicht wahr sein!“ Familie, Garten und Beruf waren mir wichtig. Den Beruf habe ich halbtags ausgeübt, deshalb blieb für die ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde immer noch genug Zeit übrig. Angefangen habe ich in der Bezirkshilfe bei Pfarrerin Frenzen im damaligen 5. Pfarrbezirk. Heute gibt es allerdings nur noch drei Pfarrbezirke in unserer Gemeinde. Mit der Zeit kamen immer mehr Aufgaben wie Gemeindefeste, Weihnachtsfeiern etc. auf mich zu. Zunächst am Markuszentrum, dann in der gesamten Gemeinde. Irgendetwas passierte immer! Ich habe mit vielen Pfarrerinnen und Pfarrern im Laufe der Zeit zusammengearbeitet. Intensive Eine Welt Arbeit fand statt, und an der ökumenischen Zusammenarbeit mit der katholischen Nachbargemeinde St. Elisabeth habe ich mitgewirkt. Hier ist z.B. ein Kochbuch mit Rezepten von Frohnhauser Hausfrauen entstanden, das sehr erfolgreich war. Auch in der Begegnungsstätte an der Grevelstraße arbeitete ich inzwischen aktiv mit. Seit ca. 30 Jahren findet dort der Kommunikationskreis jeden Donnerstag statt. Hier wird über Gott und die Welt geredet. Ebenso beteiligte ich mich bei den dortigen Gemeindefesten und Jubiläen unter der Leitung von Theo und Elsa Lichte. Es war eine gute Zeit, die mir über den frühen Tod meines Mannes hinweg sehr geholfen hat. Immer noch machen wir jährlich eine Freizeit in Richtung Externsteine. Dort sind wir fast zu Hause.
Seit 1999 arbeite ich hauptsächlich am Apostelzentrum. Seit 2002 bin ich im Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Frohnhausen tätig und seit 2007 stellvertretende Küsterin am Apostelzentrum. Gottesdienste und Abendmahlsfeiern zu begleiten und Trauercafés zu organisieren gehören u.a. zu meinen Aufgaben. 2009 entstand das Café Forum, das als Bindeglied zwischen der Apostelkirche, die eine Offene Kirche im Stadtteil ist, und der Notkirche, die als Kunstraum mit zeitgenössischen Ausstellungen sich einen Namen über die Stadtgrenze hinausgemacht hat, fungiert. Im Café Forum gilt das Motto: „Ins Café gegangen und überrauchend Gott getroffen.“ Hier gibt es immer viel zu tun. Die Organisation mit dem Ehrenamtsteam macht mir viel Freude. Es ist gut, wenn man genügend Abwechslung hat, dann hat man nicht so viel Zeit, trüben Gedanken nachzugehen. Ich kann nur jedem raten, besonders den Alleinstehenden, sich in der Gemeinde einzubringen. Es gibt genug zu tun und die ehrenamtliche Arbeit macht viel Freude. Für mich hoffe ich, dass ich noch viel Zeit habe und einigermaßen gesund bleibe, um die Ehrenamtsarbeit weiter wahrnehmen zu können.

Die Jubiläumsfeier von Martina Sonnenberg (rechts) und Doris Brodoch fand auf Usedom statt. Links: Pfarrer Werner Sonnenberg.
Stürmische Ostsee: die Jubilare Martina Sonnenberg (links) und Doris Brodoch.

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