Morde, Mütter, Mythen - Autorin Kerstin Lange im Interview

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Interview mit Kerstin Lange, Autorin aus Korschenbroich, anlässlich ihres Auftritts am 4. Oktober in der Gladbecker Stadtbücherei. Das Gespräch führte der Gladbecker Schriftsteller und Herausgeber Rainer Wüst.

RW: Frau Lange, seien Sie doch so nett und stellen sich unseren Lesern kurz vor.
KL: Weiblich, 45, Jahre, Ehefrau, Mutter, Großmutter, Hundebesitzerin und Autorin.

RW: Eigentlich sind Sie ja gelernte Kauffrau. War der Job so schlimm, dass Sie in die blutigen Gefilde des Krimis geflüchtet sind?
KL: Ich hatte mich ja weitergebildet und eine Zusatzausbildung zur Bilanzbuchhalterin absolviert. Auch wenn mir der Beruf wenig Spaß bereitet hat, bin ich doch stolz darauf, zu den 15 Prozent zu gehören, die die Prüfung in dem Jahr geschafft hatten. Und wenn das mit dem Schreiben gar nicht klappt, kann ich immer noch zurück – wenn auch widerwillig. Buchhalterin ist halt etwas Bodenständiges, was Ordentliches. (KL lacht.)

RW: Wie genau kamen Sie zum Schreiben?
KL: Naja, Tagebuch habe ich immer geschrieben. Auch mal einen Artikel für die Schülerzeitung. Natürlich fand ich es auch immer spannend, Aufsätze zu schreiben. Aber Schreiben als Beruf? Das ist mir nie in den Sinn gekommen. Erst als ich auf einem Seminar jemanden traf, der mich aufforderte einen Kurzkrimi zu schreiben, begann ich mich für Kurzgeschichten zu interessieren. Naja, mein "Debüt" ist veröffentlicht worden und ich habe Blut geleckt ...

RW: Welche Bedeutung hat das Schreiben für Sie? Woher kommt Ihre Inspiration?
KL: Mein Umfeld ist meine Inspiration. Ich beobachte gerne, schaue meinen Mitmenschen zu, wie sie sich im Alltag geben. Gepaart mit Fantasie reicht das, um viele Ideen für Geschichten zu sammeln. Und wenn ich mich dann hinsetze und die Geschichte zu Papier bringe, bin ich glücklich.

RW: Sie als Mitautorin der Mordsmütter-Anthologie, die am 4. Oktober in der Gladbecker Stadtbücherei groß vorgestellt wird: Sind Sie vom Erfolg des Buches überrascht?
KL: In dem Band haben große Autoren tolle Geschichten veröffentlicht. Nein, warum sollte es mich überraschen? Aber ich bin stolz, dass meine Geschichte "Fröhlicher Muttertag" auch aufgenommen wurde.

RW: Ihre Mordsmütter-Story handelt ja von Rache. Rache ist überhaupt ein großes Thema in dem Band, in dem auffallend viele Frauen vertreten sind. Ist Rache ein typisches Frauenthema?
KL : Mir ist noch nie der Gedanke gekommen, dass Rache ein Frauenthema ist. Ganz im Gegenteil. Den Ausspruch: Auge um Auge, Zahn um Zahn z. B. verbinde ich nicht mit Frauen. Sie?

RW: Ihre Mordsmütter-Geschichte "Fröhlicher Muttertag" ist psychologisch ja recht vielschichtig. Wie kamen Sie auf die Idee?
KL: Mich interessieren Menschen. Ich versuche zu ergründen, warum sie handeln, wie sie handeln. Das ist ein schier endloses Thema. Ich habe mich mal mit ein paar psychologischen Themen auseinandergesetzt und bin auf die Transaktionsanalyse gestoßen. Sehr spannend.

RW: Sie haben ja bereits einige Lesungen bestritten. Ist man da vor einem Auftritt noch nervös?
KL: "Man" weiß ich nicht. Ich ja – leider. Ich kenne viele Autoren, die gar nicht wissen, was Lampenfieber ist. Aber ich kann vor einer Lesung nichts essen, mir zittern Hände und Knie und das geht erst vorbei, wenn ich die ersten Sätze gesprochen habe. Dann aber ist es toll. Ich lese sehr gerne und mag es, den Geschichten mit meiner Stimme Leben einzuhauchen.

RW: Und wie genau bereiten Sie sich auf Lesungen vor?
KL: Ich lese den Text zu Hause mehrmals laut jemandem vor. Meist muss mein Hund, oder mein Enkel zuhören – die laufen nicht weg. (lacht) Atem- und Lockerungsübungen gehören genauso dazu.

RW: Was meinen Sie? Ist ein AutorInnendasein ohne Lesungen überhaupt möglich?
KL: Vielleicht. Aber für mich nicht. Bei Lesungen habe ich den direkten Kontakt zum Leser und das ist mir sehr wichtig. Ich bin für das Publikum anfassbar, greifbar. Nicht nur ein Foto auf dem Cover eines Buches. Ich selber gehe ja auch auf Lesungen und mache mir gerne persönlich ein Bild von dem Autor.

RW: In Gladbeck kennt das Literaturpublikum Sie ja vor allem von Ihren Auftritten im Café Stilbruch. Welche Verbindungen haben Sie zu unserer aparten kleinen Stadt, die sich leider ja doch mehr als Sport- denn als Kunsthochburg profiliert?
KL: Es ist Zufall gewesen. Wie so vieles im Leben. Ich habe die Gladbecker Autorin Brigitte Vollenberg auf der Lit.Algarve 2010 kennengelernt. Wir haben uns angefreundet, gemeinsam Lesungen veranstaltet und sind zusammen in Buchprojekten vertreten.

RW: Wie ist die Lage in Ihrer Heimatstadt Korschenbroich? In welchem Rang stehen dort Kunst und Kultur?
KL: Könnte es nicht immer mehr sein? Aber das finden die Sportler oder die Musiker sicherlich auch. Leider sind die Geldtöpfe der öffentlichen Hand für Kultur meist leer. Jede Veranstaltung ist auf Sponsoren angewiesen. In Korschenbroich gab es dieses Jahr ein Highlight für Literaturliebhaber: "Korschenbroich liest". Eine Reihe, an der ich auch teilnehmen durfte und die alle 2 Jahre wiederholt werden soll.

RW: Verarbeiten Sie in Ihren Geschichten wahre Figuren und Schauplätze? Stichwort: Regionalkrimis.
KL: Sehr gerne sogar. Ich liebe es, im Rahmen meiner Recherchen eine Stadt und ihre Bewohner näher kennenzulernen und darüber zu schreiben. Oftmals fließen die örtlichen Besonderheiten in die Geschichten ein. Und als Leser macht es mir ebenso viel Spaß reale Schauplätze in Romanen zu entdecken. Und warum nicht das kleine Niederrheinische Dorf? Oder die Ruhrpottmetropole neben den großen, bekannten Städten? Es muss ja nicht immer New York oder Berlin sein. (lacht)

RW: Haben Sie eine spezielle Zielgruppe? Oder geht es von 8 bis 80 quer durch alle Schichten? Was ist mit Jugendschutz (grinst)?
KL: Ab 18 aufwärts. Bin ich jetzt politisch korrekt? (lacht wieder)

RW: Was lesen Sie privat? Haben Sie einen Lieblingsautor?
KL: Ich lese (fast) alles: Krimis, Romane, Biographien, Sachbücher, Kochbücher, Reiseführer… Ich mag John Irving, Michael Crichton, Mark Childress, Alice Munroe, Fred Vargas, Elisabeth George, Hertha Müller, Dorothy Sayer, Hakan Nesser, Patricia Cornwell, Simon Beckett, Henning Mankell… Ich kann mich nicht auf einen Autor festlegen. Oft kommt es auch auf meine Stimmung an. Ich liebe John Irving und seine Geschichten sehr (Hotel New Hampshire), aber es gibt Momente, da passt das Buch nicht zu meiner Stimmung und ich leg es zur Seite.

RW: Haben Sie bereits ein neues Buchprojekt im Auge? Falls ja – können Sie uns etwas darüber erzählen? Woran arbeiten Sie zurzeit?
KL: Hauptsächlich an der Fortsetzung zu "Schattenspiel in Moll". Konstantin plant eine Reportage über die Auswirkung der Wirtschaftskrise im Rhein-Kreis-Neuss. Aber er stößt auch auf eine Tote und entdeckt eine Entführung, die geheim gehalten wird. Tiefe Abgründe tun sich hinter der gutbürgerlichen Fassade auf. Und auch Konstantin wächst wieder mit seinen Aufgaben. Mehr verrate ich nicht J ... Und nebenbei immer wieder an Kurzgeschichten.

RW: Zum Abschluss, was raten Sie jungen Autoren und Autorinnen?
KL: Niemals aufgeben, egal wie oft man Absagen erhält und Ablehnungen erfährt. Es hilft, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und sich stetig weiterzubilden.

RW: Frau Lange, ich danke für das Interview.
KL: Ich habe zu danken.

Mordsmütter: Mörderisch gute Geschichten rund um den Mythos Mutti
Mechthild Zimmermann, Regina Schleheck (Hgb.)
Taschenbuch: 320 Seiten
ViaTerra Verlag
ISBN-13: 978-3941970069

Autor:

Dirk Juschkat aus Gladbeck

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