„Wenn Kinder flügge werden“
Corona-Bedingungen erschweren Erstklässlern den Schulstart:

Fritz und Charlotte verabschieden die Vorschulkinder im Kinder- und Familienzentrum BLAUER ELEFANT Karnap an ihrem letzten Kita-Tag. Fritz ist trotz seiner imposanten Erscheinung ziemlich schüchtern, aber ab und zu meckert er als es ihm zu unruhig wird. Charlotte ist etwas zierlicher. Und ganz zutraulich: Sie ist eine kleine Schleiereule, Fritz ist ein großer Uhu. Charlotte wandert auf dem großen Falknerhandschuh von einer Kinderhand zur nächsten und lässt sich dabei nicht aus der Ruhe bringen. Dabei werden die Kinderaugen fast so groß und rund wie die der Schleiereule Charlotte und dem Uhu Fritz. „Wir haben eine Falknerin zum letzten Kita-Tag eingeladen“, so die Leiterin Ulrike Erlinghagen, „weil wir den Kindern trotz der Einschränkungen etwas Besonderes bieten wollten.“ Gemeinsame Abschiedsfeiern mit allen Kindern, Eltern und Erziehern sind aktuell im „eingeschränkten Regelbetrieb“ nicht möglich.

Für viele Kinder waren bereits die vergangenen Monate von vielen Fragezeichen und Unsicherheiten geprägt. „Wann kann ich wieder in die Kita gehen?“ „Wann kann ich wieder mit meinen Freunden spielen?“ „Wann darf ich wieder auf den Spielplatz?“ Die Einschränkungen setzten sich mit dem Besuch der Kindertagesstätten fort. „Freunde, die nun in getrennten Gruppen betreut werden, durften nicht miteinander spielen“, berichtet die Leiterin des Familienzentrums, Ulrike Erlinghagen. Ein besonderes Erlebnis am Abschiedstag war umso wichtiger für die Vorschulkinder.

Kein leichter Start für die Erstklässler

Das weiß auch Birgit Pammé, die seit über 20 Jahren den Fachbereich für Kindesentwicklung beim Kinderschutzbund Essen leitet und mit ihrem Team die Gesundheit der Kinder und deren altersgerechte Entwicklung im Fokus hat. „Ein guter Abschied ist für einen guten Anfang ganz wichtig“, so Pammé. Für 21 Kinder der Karnaper Einrichtung beginnt nach den Sommerferien die Grundschule. „Für viele Erstklässler wird es kein leichter Start werden“, so Birgit Pammé. Der Wechsel von der Kindertagesstätte zur Schule an sich ist mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Ein Vorschulprogramm bereitet normalerweise die Kinder in ihrem letzten KiTa-Jahr auf den Wechsel vor. Dazu zählen viele Ausflüge, Besuche in Handwerksbetrieben, Übernachtungen in der KiTa, aber auch der Besuch der Grundschulen, das Kennenlernen der Lehrer und der neuen Schulkameraden. Vieles davon konnte aufgrund der Kontaktbeschränkungen der letzten Monate nicht durchgeführt werden. Für die Kinder ist damit der Wechsel von der KiTa in die Schule wie ein Sprung in das kalte Wasser, denn sie wissen nicht, wer und was sie erwartet.

Still sitzen und einen Stift halten?

Auch die Gesundheitsämter waren und sind so überlastet, dass die Schuleingangsuntersuchungen teilweise erst mit und nach Beginn des Schuljahres durchgeführt werden können. Auf dem Prüfstand der Untersuchungen steht hier die altersgerechte Entwicklung des Kindes. Getestet werden zum Beispiel die Fein- und Grobmotorik und das Sehvermögen des Kindes. Werden Einschränkungen und Defizite diagnostiziert, bekommen die Kinder zusätzliche Förderung oder Therapien verordnet und nicht selten benötigt ein Kind auch eine Brille. Für einen erfolgreichen Schulstart sind bestimmte Fähigkeiten elementar. Feinmotorik bedeutet zum Beispiel, dass ein Kind einen Stift gut halten kann und auch das wird bereits im Vorschuljahr in den Kindertagesstätten spielerisch gefördert und geübt. „In der Feinmotorik und der Konzentrationsfähigkeit sehe ich für die neuen Erstklässler die größten Hürden“, so die Fachbereichsleitung für Kindesentwicklung. Denn auch das Stillsitzen im Unterricht ist für viele Kinder eine ungewohnte Herausforderung. Das Vorschuljahr ist für die Entwicklung des Kindes von besonderer Bedeutung und gerade zum Schulstart bilden die Neugier und der Spaß am Lernen die beste Grundlage für die Motivation und einen weiteren erfolgreichen Schulbesuch. Statt der Lust am Lernen wächst einem Kind jedoch auch schnell der Frust, wenn es ständig überfordert weil, weil Grundvoraussetzungen beim Schulstart nicht vorhanden sind. Das kann für die Bildungsbiographie des Kindes fatale Folgen haben, wenn es dann keine rechtzeitige zusätzliche Unterstützung erfährt.

Förderprojekte machen fit für einen erfolgreichen Schulbesuch

Neben den Therapieangeboten im Zentrum für Kindesentwicklung bietet der Kinderschutzbund diese Förderung in drei verschiedenen Projekten an. Seit zwei Jahren wird in allen Kindertagesstätten des Kinderschutzbundes ein Projekt speziell für die Eltern der Vorschulkinder angeboten: Die RAG Stiftung, der Kinderschutzbund und die Bildungsorganisation EDUCATION Y unterstützen mit dem familY-Programm „Education Y“ Eltern von Vorschulkindern, damit sie ihre Kinder beim Übergang von der Kita in die Grundschule gut begleiten können. Die intensive Zusammenarbeit beginnt bereits vor dem Schulstart in der KiTa mit Hausbesuchen und setzt sich mit regelmäßigen Elterngesprächen, Treffpunkten und Bildungs- und Beratungsangeboten für die Eltern fort. Bereits seit fünf Jahren bietet der Kinderschutzbund ein Förderprojekt an der Bückmannshofschule an. „Hier fördert eine Ergotherapeutin Kinder mit Unterstützungsbedarf und berät die Lehrkräfte“, berichtet die Fachbereichsleitung Birgit Pammé. Die erfolgreiche Projektarbeit wird mit Hilfe von Geldern der Spindelmannstiftung finanziert. Das dritte Projekt, „Lernwelten entdecken“, wird vom Essener Jugendamt mit Hilfe von Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds finanziert. Auch hier werden Erstklässler in Kleinstgruppen gezielt in der Feinmotorik, der Konzentration und einer strukturierten Arbeitsweise gefördert.

Zutrauen und Zuversicht wecken

Vor Beginn des neuen Lebensabschnittes und dem ersten Schultag ist die Aufregung des Kindes ganz normal. Manche Kinder verspüren einen großen Druck, sind unsicher oder ängstlich. „Das kann sich auch beispielsweise in Nägel kauen, Einnässen oder Magenweh äußern“, weiß Birgit Pammé. Doch das sei kein Grund zur Sorge. Sie rät zu vielen Freizeitaktivitäten mit den Kindern, gemeinsamen Unternehmungen und vertrauten Ritualen. „Kinder erleben dadurch ihre Eltern als starke Begleiter und fühlen sich in ihren Fähigkeiten gestärkt“, weiß die Fachbereichsleitung Kindesentwicklung. So bereiten auch kleine Abenteuer wie der Besuch von „Lutz und Charlotte“ die Kinder auf das große Abenteuer „Schule“ bestmöglich vor.

Autor:

Deutscher Kinderschutzbund Ortsverband Essen e.V. aus Essen-Nord

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