Schulstreik fürs Klima
Hoffen oder Bangen? Hauptsache Handeln.

"Der Schulstreik fürs Klima gibt mir mehr Hoffnung, als ich in 30 Jahren Einsatz für die Sache gespürt habe" - George Monbiot

"Ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr meine tägliche Angst teilt, dass ihr handelt, als brenne das Haus. Denn es brennt." - Greta Thunberg

"Die bisherige Missachtung von Umweltbelangen in weiten Teilen der Politik war ein katastrophaler Fehler." - Institute for Public Policy Research

Normalerweise schreibe ich hier Exkursionsankündigungen meines Arbeitgebers oder berichte über unsere Maßnahmen für den Naturschutz im Kreis Wesel. Heute stattdessen ein Statement in eigener Sache.

Ich möchte hiermit von Herzen den Schüler/inn/en danken, die Freitags von den großen und kleinen Regierungen der Welt neue Prioritäten fordern, einen Klimaschutz, der den Namen verdient. Weiter so! Ich hatte den Mut damals nicht, vielleicht auch weil mir eine Greta Thunberg als Vorbild fehlte. Es passiert nicht oft, dass ich meine Schulzeit als verpasste Chance sehe. Jetzt bereue ich, dass ich nicht für den Klimaschutz auf der Straße war. Inzwischen hat Fridays For Future auch den Kreis Wesel erreicht, obwohl es noch keine Regionalgruppe gibt. Wenn es eine gibt, zählt auf meine Unterstützung.

Manche werfen euch kollektiv vor, eine Ausrede fürs Schulschwänzen zu suchen. Aber wer einfach mehr Freizeit will, läuft in der Regel nicht mit handgemachten Plakaten durch die Stadt sondern bleibt zu Hause/macht Party und behauptet nachher, dabei gewesen zu sein.

Andere sagen, Schulpfplicht sei Schulpflicht und nicht verhandelbar. Das sagt sich leicht. Ich habe auch nie die Schule geschwänzt. Schule ist wichtig. Aber wenn Schwänzen der einzige Weg ist, dem Erhalt unserer Zivilisation den nötigen Schwung zu verleihen, dann muss, finde ich, geschwänzt werden. Ist es der einzige Weg? Na ja, wir suchen seit 20 Jahren nach anderen. Einen Versuch ist der Schulstreik wert.

Andere glauben, hier Übermut und Unverständnis der Jugend zu sehen. Aber Verstand muss nicht immer ruhig sein und nicht jeder wütende Bürger ist ein Wutbürger. Noch muss man 20 sein, um das Grundproblem zu begreifen: dass wir uns von einem Wirtschaftsmodell abhängig gemacht haben, das auf Dauer vor die Wand fährt, weil es Dauerwachstum braucht und ohne fossile Brennstoffe nicht auskommt. Alternativen werden von der Fachwelt längst diskutiert, obwohl sie im politischen Mainstream fast nicht auftauchen. Postwachstumswirtschaft heißt das Stichwort. Musikalische Aufarbeitungen dazu gibt es auch schon. Vielleicht muss man eher 50 und unfrei sein, um das ausblenden und weitermachen zu können.

Man muss nicht die Kernspaltung verstehen, um eine Atombombe als Gefahr zu begreifen. Genausowenig muss man die Details zu Kohlenstoffkreislauf, Strahlungshaushalt, Rückkopplungen und Kipppunkten im Klima kennen, um zu blicken, dass wir rasch ein Ende von Kohle, Erdöl und Erdgas brauchen --viel, viel rascher als es durch ausgehende Vorräte käme. Auch ist vielen bekannt, dass 2038 als Datum für den Kohleausstieg für die Pariser Klimaziele noch nicht reicht. Wohl auch etlichen Schülern auf der Straße.

Die Forderung, dass nur Experten den Mund aufmachen dürfen, ist ein wohlfeiles Argument, die vielen halbwegs kundigen zum verschämten Schweigen zu bringen. Wir brauchen aber viele Stimmen für den Klimaschutz (sonst wird die Politik nichts wagen) und können nicht erwarten, das jeder erst zum Klimaexperten wird. Wer das tun will, hat mir Seiten wie skepticalscience.com und der deutschen Entsprechung klimafakten.de reichlich Möglichkeiten. Hier wird vor allem auch mit gängigen Scheinargumenten aufgeräumt. Je mehr Menschen hierüber Bescheid wissen, desto leichter ist es, Halbwahrheiten und fadenscheinige Lösungen zu entlarven.

Wieder andere werfen euch, den streikenden Schülern, Heuchelei vor, weil euer tägliches Verhalten Teil des Überkonsums ist. Wahrscheinlich würden etliche von ihnen euch Gutmenschen schimpfen (als wäre das eine Beleidigung), wenn ihr alle für den Klimaschutz auf Tierprodukte und Flugreisen verzichten würdet. Irgendwo muss man anfangen. Wir ändern die Welt zu wenig, wenn jeder nur bescheiden den eigenen Hof kehrt und duckt, denn ein großer Teil des Problems geht von einer mächtigen Minderheit aus. Die müssen wir konfrontieren.

Trotzdem: ich bin auf dem Weg zur Nachhaltigkeit schon um ein paar Ecken gegangen und habe gute Nachrichten: man braucht kein tragischer Held zu sein, um vegan und ohne Flugzeug und eigenes Auto zu leben. Sonst könnte ich es nicht. Es ist ab und zu lästig, aber das bessere Gewissen macht das doppelt und dreifach wett, zumindest für mich. Ich höre oft: "Vegan und glücklich? Das könnte ich nie!" Aber wer sich das nicht zutraut, unterschätzt sich vielleicht. Es gibt Situationen, wo mangelndes Selbstvertrauen tödlich ist, und wir haben hier eine solche.

Ich will eine Welt, in der ich nicht dauernd zwischen meinem Wohl und meinem guten Gewissen wählen muss, in der ich nicht bereuen muss, ein Kind zu bekommen, weil ihm seine Illusionen genommen werden, wenn es dieselbe Wahl treffen muss. Wenn der Klimawandel im befürchteten Ausmaß kommt, erwarte ich aber diese Welt. Wie zur Hölle könnte mir meine Pizza Hawaii da wichtiger sein?

Macht bitte weiter. Und denkt daran, nachrückenden Jahrgängen den Antrieb weiterzugeben. Das wichtigste ist, dass euer Einsatz für den Klimaschutz einen langen Atem hat, dass notfalls auch in fünf bis zehn Jahren, wenn ihr längst in Lohn und Brot steht, noch Schüler/inn/en auf die Straße gehen. Besser noch Erwachsene. Klimaschutz darf keine Modeerscheinungen sein, denn Menschenrechte, Naturschutz, Frieden und Nachhaltigkeit sind es auch nicht.

Autor:

Thomas Traill aus Wesel

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