Eine Fabel: Die 3 kleinen Säcke

Der große kuschelige Onkel Bär ist gestorben. Zum Schluss war es schwer mitanzusehen, wie er sich geplagt hat. Sein ehemals kräftiger Gang wurde zu einem schlurfenden Schleichen. Sein glänzender Pelz struppig und matt. Seine Stimme, seine Wärme und sein Geruch, eben noch zum Greifen nah, sind schon jetzt so unbegreiflich fern. Die Tierkinder schauen voller Sehnsucht in den Himmel, doch alles, was von ihm im Hier und Jetzt geblieben ist, ist dieser große Sack, den der Bär zuletzt immer mit sich herumgeschleppt hat. Mächtig steht er da, hat Ecken und Kanten, an manch einer Stelle ist er mehrfach geflickt. Sie gehen auf ihn zu, wollen sehen, was darin ist, doch da verändert er ganz plötzlich seine Form. Anstelle des einen Sacks, so groß und schwer, dass er kaum zu tragen ist, liegen dort auf einmal drei kleine Säcke herum. Der eine fest verschnürt und da, der braune, der sich ausbeult und für seinen Inhalt viel zu klein geraten scheint. Und der dritte, der fast leer ist. Für jeden seiner Lieben genau einen Sack. Zögernd gehen Klein Frosch, Hase und Hund auf die Säcke zu und mit schlafwandlerischer Sicherheit findet ein jeder seinen Sack.

Der Frosch greift sich den scheinbar leeren Sack. Er ist geradezu ideal für ihn, denn er ist so von Schmerzen überwältigt, dass er ihn sogleich mit großen Krokodilstränen füllt. Und je heftiger er weint, desto mehr übermannen ihn die Erinnerungen. Die Theateraufführung in der Schule, wo der Bär so stolz auf ihn gewesen ist. Der Besuch des Freizeitparks, wo dem kleinen Frosch so furchtbar übel wurde in der Achterbahn. Doch was würde er dafür geben, noch ein einziges Mal neben ihm zu sitzen und gemeinsam die Welt von oben zu betrachten. Und gleich muss er noch viel mehr weinen. „Nun reiß dich aber mal zusammen“, sagt Mutter Frosch. „Onkel Bär hätte gewollt, dass du jetzt tapfer bist. Du bist doch jetzt der Mann in unserer Familie!“ Und so schüttelt sich der kleine Frosch noch einmal kräftig, atmet tief ein und wieder aus und verschließt seine Tränendrüsen mit einem großen, stabilen Korken. Manchmal ist der Druck nahezu unerträglich, doch für seine Familie will er stark sein. Er vergräbt den Sack in der hintersten Ecke seines Kleiderschranks, wenn er ihn nicht mehr sieht, dann ist er auch nicht mehr traurig.

Der Hase hingegen ist unglaublich wütend. „Wie kannst du mich hier alleine lassen, in dieser großen bösen Welt, Onkel Bär. Da ist niemand mehr, der mir die sonnige Stelle mit den wilden Möhrchen zeigt. Keiner mehr, der mir sagt, wie ich dem Jäger aus dem Weg gehen kann. Und das schlimmste ist, ich bin es selber schuld, dass du jetzt nicht mehr da bist. Wäre ich doch nur artiger gewesen. Hätte ich in der Häschen-Schule besser aufgepasst, dann wärst du nicht so furchtbar krank geworden. Hätte ich meine Geschwister nicht ständig geärgert und meine Mami so traurig gemacht, dann wärst du nicht für immer gegangen!“ Der kleine Hase lässt die Öhrchen hängen und schlägt inbrünstig auf den weichen, prall gefüllten Sack ein. Dazu macht er ein ganz furchtbar grimmiges Gesicht. Als er merkt, dass er damit seine Schulkameraden erschrecken kann, legt er gleich noch einen drauf. Nicht nur auf den Sack prügelt er mit voller Härte ein, nein, auch die graue Maus mit den pinken Ohren hatte neulich schon ein blaues Auge. Die Lehrerin, Frau Dr. Krähe mit dem scharfen Blick unter dem schwarzen Gefieder, tadelt ihn scharf und stellt ihn vor der Klasse bloß. „Da sehr ihr, Kinder, der ist auch nicht besser als sein Onkel. Der so lebensuntüchtig war. Der Apfel fällt ja nie weit vom Stamm!“

Der kleine Hund nimmt nur widerwillig seinen Sack auf. Er betrachtet ihn abschätzig und stellt ihn erstmal in die Ecke. Was soll er denn damit? Das geht ihn alles gar nichts an! Nun hat doch seine Mami endlich wieder Zeit für ihn, wo sie sich nicht mehr um den kranken, schwachen Onkel Bär kümmern muss! Sie kann endlich wieder mit ihm lachen und toben, er sehnt sich doch so sehr nach ihrer vollen Aufmerksamkeit. Er möchte alle seine Freunde einladen und mit ihnen spielen. Abends eine Gute-Nacht-Geschichte hören mit vielen Küssen vor dem Einschlafen. Aber warum ist sie nur so still, sträubt sich gegen seine tollen Ideen und kleinen Pläne? Stellt ihm den Sack vor die Nase und pflastert die Wohnung mit Erinnerungen an den Bären zu. Es ist nicht so, dass er den Bären nicht vermisst, doch er hat so lange zurückstecken müssen. „Sei leise, der Arzt hat gerade die neue Medizin vorbeigebracht, der Bär, der muss jetzt schlafen.“ Es hat ihn erschreckt, dass er nicht mehr mit dem Bären Fußball spielen konnte oder ihm sein Herz ausschütten nach der 5 in Mathe. Dass dieser immer schwächer wurde und oft des Nachts vor Schmerzen stöhnte. Nein, da denkt er lieber an die schönen Sachen, sonst hält er es nicht aus!

Doch dann kamen diese Leute zum Elternabend in die Schule. Ein Doktor soll dabeigewesen sein und der kann sogar manchmal Wünsche erfüllen! Er und seine Begleiter haben den Eltern und Frau Dr. Krähe was von Trauerbegleitung erzählt und über den Uhu, der so etwas macht. Und nun sind die Tiere also zum ersten Mal beim Uhu. „Der Uhu ist ein weiser Geselle“, hat ihre Mami ihnen gesagt. Und dass sie ihre Säcke mit zum Uhu nehmen sollen. So kramt der Frosch den nassen Sack aus seinem Kleiderschrank. Der Hase greift mit Schamesröte im Gesicht zu seinem ramponierten Sack und der Hund muss den seinen erstmal suchen. Dann sitzen sie zusammen und sind ganz überrascht, als der braun-gefleckte Uhu mit dem liebevollen Blick ihnen heiße Schokolade serviert. In der ersten Stunde sprechen sie nicht über den Bären, nein, sie machen Spiele, malen und lernen sich besser kennen. Der Uhu jedoch ist gar nicht überrascht, als der kleine Frosch ganz zum Schluss auf einmal laut herausplatzt: "Vermisst ihr den Bären auch so sehr?" 

(c) Christiane Bienemann 

Autor:

Christiane Bienemann aus Kleve

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