Corona: "Unterputzkabel will an die Sonne"

Len Mette, Musiker, Buch-Autor, Vater und Steuerzahler, schreibt einen offenen Brief an Armin Laschet und die Landesregierung.
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Corona stellte das Leben auf den Kopf und viele Eltern wurden zu Hilfslehrern auf Zeit - auch Len Mette. Der Musiker und Buch-Autor schickt nun deutliche Worte Richtung Düsseldorf.

Liebe Landesregierung, lieber Armin,

ich fühle mich „verkohlt“, um es mal auf gut Ruhrgebietsdeutsch zu formulieren. Ich fühle mich verkohlt, ob des Verhaltens der Behörden im Angesicht der Corona-Pandemie. Dabei war und bin ich sogar ein Befürworter der ergriffenen Maßnahmen, so schmerzlich diese Einschnitte auch waren und nach wie vor sind. Ich bin bereit, meinen Anteil zu leisten, indem ich zunächst meine Kinder unterrichte, mein Einkommen gefährde, daheim bleibe und auf viele Kontakte und Freizeitaktivitäten verzichte. Der Grund? Ganz klar: in der Krise müssen wir zusammenhalten. Hier sind Vertrauen und Zusammenhalt nun einmal wichtiger, als Meinung und medizinisches Halbwissen. Wir verlassen uns auf die Wissenschaft, nehmen ökonomische Schäden in Kauf und regulieren diese durch Land und Staat! Eine kluge Taktik. Genau deshalb bin ich bereit, meinen Anteil zu leisten. Nach wie vor. Nach drei Monaten -und damit sind wir wieder im Ruhrgebietsdeutsch - schwillt mir allerdings der Kragen und das Unterputzkabel will an die Sonne: Die Infektionsrate ist glücklicherweise gesunken, eine Sterblichkeit, wie wir sie noch heute in anderen Nationen sehen, bleibt bei uns bisher aus. Wir haben großes Glück, vermutlich weil wir gemeinsam die richtigen Maßnahmen ergriffen und durchgehalten haben.

„Outsourcing in den Niedriglohnsektor“

Sicherlich ist es an der Zeit, nun intelligente Mittelwege zu finden, um mit der nach wie vor lauernden Gefahr, einer vielleicht trügerischen Ruhe umzugehen und leben zu lernen. Das sagen uns die nackten Zahlen. Aber was ist sonst noch passiert? Jedenfalls öffnet ihr die Schulen von jetzt auf gleich, nachdem ihr es in den letzten drei Monaten verpasst habt, einen Weg zu finden, mich vom Selbst-Unterricht meiner Kinder zu befreien. Was ihr „Homeschooling“ nennt, ist von Woche zu Woche mehr zum „Outsourcing in den Niedriglohnsektor“, nämlich zu den Eltern, geworden. Ihr habt es in der Zwischenzeit verpasst, den Lehrern sowohl technische, als auch juristisch einwandfreie und einheitliche Unterrichtslösungen aufzuzeigen oder sie eiligst mit Ihnen zu entwickeln. Ihr habt es verpasst, etwas dagegen zu tun, dass ich gleichzeitig für meine Existenz kämpfe und zwangsweise den Beruf des Grundschullehrers erlerne, während ich versuche, die Meute in den eigenen vier Wänden auch noch auf psychischer Ebene in Schach zu halten. Ihr habt es sogar verpasst, wenigstens entsprechende LösungsANSÄTZE zu entwickeln. Stattdessen tut ihr von jetzt auf gleich, als gäbe es kaum noch eine Gefahr in Schulen, um Euch als progressiv zu profilieren? Gleichzeitig verbietet Ihr kulturelle Veranstaltungen, weil sie zu gefährlich wären? Es ist nur EIN Beispiel von unzähligen. Die Diskrepanz zwischen Erlass und Logik zeigt es dennoch. Es ist die Diskrepanz zwischen Besänftigungspolitik und sachbezogenem Krisenmanagement. Ganz ehrlich: Ihr habt es verpasst, Euren Job zu tun. Ganz so, wie ihr es verpasst habt, weit vor der Krise die Digitalisierung in der Bildung voranzutreiben und Eure Bediensteten auszubilden. Ihr habt es im familiären Bereich verpasst, wie Ihr es bei Gastronomie, bei Soloselbständigen und in der Kultur verpasst habt. Drei Monate lang. Und damit habt ihr es verpasst, die Menschen hinter Euch zu versammeln. Dabei hättet ihr doch nur vermeiden müssen, Euch unbedingt von der Linie der Bundesregierung abheben zu wollen. Dann wäre diese Krise tatsächlich eine Chance für NRW gewesen.

"Der Zusammenhalt bröckelt"

Ihr hattet gar gute Voraussetzungen, denn nicht nur ich und tausende Lehrer, sondern auch ganz viele andere Menschen waren bereit, in einer „hochdynamischen“ Situation Unstimmigkeiten, Einschnitte und unpopuläre Entscheidungen mitzutragen. Sie haben Zusammenhalt, Kreativität, Initiative und Geduld gezeigt, wie das eben in einer Krise notwendig ist. Weil eben auch die Entscheider niemals eine solche Krise erlebt haben und teils intuitiv handeln mussten. Das war den Menschen bewusst. 3 Monate lang. Was bisher Reaktionen auf eine „Hochdynamik“ waren, nenne ich inzwischen „Managementversagen“. „Verpasst“ nennt man im Pott auch „verkackt“. Und wie sieht es heute, besagte drei Monate später, in der Lebenswirklichkeit aus? Der Zusammenhalt bröckelt. Der Grund liegt in immer widersprüchlicheren Regelungen, die aus öffentlichkeitswirksamen Entscheidungen resultieren, aber weiterhin jene auf der Strecke lassen, die ohnehin keine Lobby haben. Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind nun nicht mehr so wichtig, wie die der Ökonomie, der Lobbyisten und Umfragewerte. Der Grund mag in einem Rennen um eine Kanzlerkandidatur liegen, bei der jeder Teilnehmende sich als großer Entscheider inszenieren möchte, sei es ins eine oder ins andere Extrem. Der Grund mag in verkrusteten Verwaltungsstrukturen liegen, in denen wirklicher Fortschritt augenscheinlich auch in der akuten Krise noch Jahre benötigt. Vielleicht liegen die Gründe auch nur im Wege des geringsten Widerstands oder der lautesten Spender. Böse Zungen werden das nutzen und behaupten, dass die Pandemie gezeigt habe, wie Politik und Politiker in unserem Land funktionieren und auf wessen Rücken Krisen ausgetragen werden. Am Ende sind Trainer und Management in der Verantwortung. Das kennen wir hier im Pott ja aus dem Fußball.

"Vorschussvertrauen habt ihr gründlich verspielt"

Persönlich kenne ich die tatsächlichen Gründe nicht. Sie sind mir inzwischen auch egal. Ich hoffe nur, dass wenigstens dieses Mal Lehren aus ihnen gezogen werden, damit die Politikverdrossenheit nicht noch mehr zum Nährboden für Rechtspopulisten werden kann, als sie das ohnehin schon ist. Ich bin kein Virologe, kein Experte. Dennoch habe ich aus dem Unterricht in Biologie und Mathematik mitgenommen, dass nun, eine Woche vor den Sommerferien, die Gefahr steigen muss. Warum? Ganz einfach: Durch die Schulöffnung erhöhen wir, trotz einiger Schutzmaßnahmen, schlicht die Anzahl alltäglicher Kontakte von Kindern, Lehrern und Eltern um ein Vielfaches, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Damit haben wir zwei Wochen vor einer ohnehin sechswöchigen Pause begonnen! Wir wissen, was der Begriff „exponentielles Wachstum“ bedeutet. Das Szenario: Vom Einzelfall zur sofortigen Schulschließung. Von der Schulschließung zur häuslichen Quarantäne und Virustest großer Gruppen, um die Infektionskette zu unterbrechen. So ist doch der Plan, oder? Und dann? Wie geht es weiter? Auch das ist recht einfach: Von der Quaratäne zum Storno des eilig umgebuchten Familienurlaubs innerhalb des Landes. Zum Storno des wesentlichen Lichtblicks und hart erkämpften Tapetenwechsels nach 3 harten Monaten in den eigenen vier Wänden. Ist es das wert? Ich hoffe, ich irre mich, denn ich bin ja kein Virologe.

Lieber Armin, das Vorschussvertrauen habt Ihr gründlich verspielt, verpasst oder verkackt. Egal, wie man es nun nennen mag. Das wird nix mit Berlin.

Schönen Gruß ausm Pott

Ein ganz normaler Vater, Künstler und unfreiwilliger Aushilfslehrer, ein Steuerzahler und Wähler

Thema "Corona-Virus" im Lokalkompass:

> Aus für Lünsche Mess und Drachenfest

Autor:

Lokalkompass Lünen / Selm aus Lünen

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