Ein Rückblick von Rolf Blessing
Die 58. MÜLHEIMER LESEBÜHNE vom Freitag, 02. 11. 2018

Lyrikerin und Initiatorin Sabine Fenner
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Das Fernsehprogramm dieses Freitagabends hatte einschlägige Krimiserien, zahlreiche Wiederholungen und Unterhaltungsshow‘s (u. a. Big Blöff – eigentlich müsste es ja Bluff heißen) anzubieten.

Trotzdem konnte es eine nicht geringe Zahl an Literatur- und Kunstfreunden nicht abhalten, sich so frühzeitig im Handelshof einzufinden, dass schon eine halbe Stunde vor Beginn kaum noch ein Platz zu ergattern war; und die ihre Werke ausstellenden schaffenden Künstler kaum noch Raum für ihre Präsentationen fanden.
An dieser Stelle sei noch einmal kurz eingeflochten, dass die Mülheimer Lesebühne zwar „Lesebühne“ heißt, dieser Begriff aber längst nicht alle Sparten dieser Veranstaltung abdeckt, als da sind: ein weites Spektrum schriftstellerischer Vorträge (Lyrik, Prosa, Kurzgeschichte, Auszüge aus Krimi, Roman, Novelle, Reisebericht, usw.), ergänzt durch verschiedenste musikalische Darbietungen (Gesang, Instrument, experimentelle Musik von Klassik, Kammermusik bis Soul und Rock), Buchausstellungen, Präsentation von Kunstwerken aus den unterschiedlichsten Technikbereichen (Öl, Kreide, Kohle, Acryl, Keramik, Holz etc.).
Die Begrüßung übernahm diesmal die Initiatorin der Lesebühne, Sabine Fenner, und bedauerte, dass die vielen ausgestellten Kunstwerke wegen des nicht ganz ausreichenden Platzes zu kurz kämen. Der Veranstalter und Initiator Manfred Wrobel war dieses Mal insbesondere für die Foto-Dokumentation zuständig (Fotostrecken sind bei Facebook eingestellt). Sodann übernahm Peter Roßkothen die Moderation und führte, wie immer, locker und kompetent durch den Abend.
Den Beginn übernahm Gabriele Pluskota. Ihre sehr lebendige und „mitten aus dem Leben“ gegriffene Kurzgeschichte, die einen Fett-, Falten- und Lover-Konflikt mit ihrer Schwester „Miß Size-Zero“ sehr farbig ausmalte, zog die Zuhörer sehr gekonnt in ihren Bann. Sowohl die darin vorkommenden Diätempfehlungen (lauwarmes Wasser mit einem Spritzer Apfelessig) als auch das Rezept für einen Giftgebräu der Hildegard von Bingen sollten jedoch nicht unbedingt ernst genommen werden. Die Story findet ein überraschendes, gut inszeniertes und nicht zuletzt makaberes Ende.

„Oppa Kurt“ alias Kurt Guske, dessen Conférencier-hafte Art des Gedichtvortrages ein bisschen an große Wilhelm-Busch-Rezitatoren erinnert, setzte heute einen anderen Schwerpunkt als sonst, nämlich auf die Erzählung der Geschichte des Försters Paul Tüfflinger, der als Vater von 9 Kindern von Wilderern erschossen wurde. Ein ergreifender Vortrag, mit der Moral, dass selbst schlimmste Schicksalsschläge einen guten Ausgang haben können.

Musikalische Darbietungen lockern bekanntlich jede Leseveranstaltung etwas auf, lenken ab oder bringen die Zuhörer wieder auf andere Gedanken. Dieses Rezept, an das sich sogar das Klosterleben im Mittelalter orientierte, funktioniert auch bei der Mülheimer  Lesebühne sehr erfolgreich. Dabei erfüllen diese „Einlagen“  nicht nur diesen geschilderten Zweck. Vielmehr erhalten hier Musiker der unterschiedlichsten Stilrichtungen und Vortragsarten (Gesang, Instrument usw.) Gelegenheit sich vorzustellen und gleichzeitig (zumindest teilweise) an Sicherheit bzw. Routine zu gewinnen. Das ist auch deshalb erwähnenswert, weil gerade für junge Künstler, wie es auch Luke Pan und Daniel März (Duo „Cologne Guitar“) sind, ansonsten kaum etwas getan wird und nur Wenige gefördert werden. Die vom Duo vorgetragenen Gitarrenstücke sind thematisch dem Barock und der Romantik zuzuordnen. Beide Musiker waren sehr gut aufeinander abgestimmt und spielten temporeich, geschickt und wechselvoll auf. Taktsicher und modern vorgetragen, begeisterten sie das Publikum! Besonderen Beifall fanden die Stücke von J.S. Bach.

Der Schriftsteller Wolfgang Brunner ist bekannt für gut recherchierte Themen (Kindergeschichten für Erwachsene, Untergang der Titanic, Missbrauch). Diesmal hat er sich mit einem „Psychokriminalfall“ beschäftigt. Die Radiostimme des Dr. Tod treibt den vermeintlichen „Schachbrettmörder“ in dem Werk „Mein Radio spricht mit mir“ dazu, drei verbliebene Restkandidaten von 64 (Felder eines Schachbretts) zu ermorden, um die imaginäre Tötungsaufgabe komplett zu erledigen. Die Handlung pendelt sehr geschickt konstruiert zwischen Realität, Traum und Phantasie. Die vermeintlichen Ereignisse schildert Brunner so detailliert und plastisch (Blut spritzt, Knochen splittern), dass die Vorstellungskraft der Zuhörer keine Schwierigkeiten hat, sich die Zustände der Leichen vorzustellen. Dass dabei ein paar gängige Klischees strapaziert werden, lässt sich wahrscheinlich nicht ganz vermeiden.

Matthias Kurz ist ein vielseitiger Autor, der Auszüge aus seinen handwerklich sauber geschriebenen Werken vortrug: die in Reimform gefassten Gedichte „Eine kurze Begegnung“ und „Richtungsweisend“, das lyrische Gedicht „Stille“, eine Geschichte vom Spielmann. Sein Höhepunkt war die mit Spannung verfolgte romantisch-märchenhafte Geschichte vom blutroten Ritter. Sie erinnerte ein bisschen an die Erzählungen über „Jan Wellem“ (Düsseldorf). Im Gegensatz dazu endet die Geschichte hier aber tragisch für die Königstochter und den Bauersohn.

Die temperamentvollsten Beiträge des Abends kamen von Christiane Rühmann, einer Autorin die in ihrer Lebendigkeit, Gestik und Sprechweise kaum zu bändigen ist. Der in Reimform gefasste „Frühe Tag“ und die beiden Geschichten „Heubodenspringen“ und „Nichts“ passten sehr gut in die Jahreszeit (Spätsommer vorbei/Weihnachten vor der Tür) und sorgten für eine sentimentale Einstimmung.

Der Autor Rolf Blessing machte in diesem Jahr eine Kreuzfahrt - von Dubai ausgehend - bis nach Indien. Natürlich hatte er einen Bleistift und Papier dabei und verfasste auf dieser Reise Gedichte und Essays.
Er trug an diesem Abend eine Auswahl seiner feinsinnigen Lyrik und seiner interessanten und fesselnden Essays zu diesem Thema vor. Das Auditorium war sehr begeistert und dankte es dem Autor mit einem großen Applaus.
© MW

Auf hohem Niveau bewegte sich Sabine Fenner (Mitinitiatorin der Lesebühne) mit ihren Texten aus dem Jahr 2017 (Hab‘ mich durch Höhen und Tiefen gelebt). Sie regen wirklich sehr stark an, die Dinge mal ganz neu oder zumindest aus einer anderen Perspektive zu betrachten. „Worte warten darauf, an Haken zu hängen“ oder „Vor dem Tod braucht man keine Angst zu haben, es gibt Schlimmeres“ sind nur kurze Ausflüge in ihre Kunst, philosophische Ausflüge bildhaft zu vermitteln, was ich sehr schätze.

Die 58.te Lesebühne endete mit einer Zugabe des Duos „Cologne Guitar“ und hinterließ bei mir den Eindruck, dass in Zeiten, wo man der Reformation mit zahnlosen Kürbissen gedenkt, doch noch kulturelle Hoffnung besteht.

© RB 04.11.2018

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