Flüchtlingsunterkunft "Erbslöhstraße" - Wut, Wärme und Klassenkampf

Am 21. September informierte die Verwaltung der Stadt Essen die Bürgerinnen und Bürger über den Flüchtlinsdorf-Standort an der Erbslöhstraße in Altenessen-Süd. Entgegen der "Wir-schaffen-das-Stimmung" der Kanzlerin zeigte sich hier einmal mehr, dass es eine Bereitschaft zur Hilfe gibt, jedoch die Frage nach der Integration von Migranten in die Essener Gesellschaft unbeantwortet bleibt.

Die Herz-Jesu-Kirche war ungemütlich kalt, aber gefüllt. Neben vielen Bürgern ergriff lediglich ein (sichtbarer) Bezirkspolitiker das Wort, erzählte folgenlose Richtigkeiten und lies mit Worten wie "Da ist Europa gefragt..." den ein oder anderen schläfrig werden. Und ja, es gab auch rassistische Unteröne. Nicht laut, aber auf Nebenschauplätzen. Viele aber freuen sich jetzt auf den "Runden Tisch" und das Kennenlernen der neuen "Dorfbewohner".

Chaos für alle

Die deutsche Stimmungspalette zum Thema "Flüchtlinge" reicht von Euphorie bis Furcht. Von Euphorie war an diesem Abend kaum etwas zu spüren. Manchmal ein wenig langatmig leitete Sozialdezernent Peter Renzel durch die Veranstaltung und lies lobenswerterweise durchblicken: Auch Verwaltung und Politik können in diesen Tagen lediglich das Chaos versuchen zu beherrschen. Und das machen sie ganz respektabel.

Ehrliche Hilflosigkeit

Einige Bürgerfragen konnten nicht beantwortet werden, manches wurde schlicht weg geschwiegen: Warum wurde auf der Erbslöhstraße jüngst eine Bombe gefunden, warum nicht schon beim U-Bahn-Bau? Man verspricht mehr Polizeipräsenz vor Ort, weiß aber nicht, ob dies zu Lasten anderer Altenessener Gebiete gehen wird. Und trotz beharrlichem Nachfragen wurde nicht beantwortet, wieviel Taschengeld ein Flüchtling bekommt. Die Essener Verwaltung ackert im Moment bis zum Umfallen, ihre Hilflosigkeit ist jedoch spürbar.

Wie geht es eigentlich Altenessen-Süd?

Was an diesem Abend ganz offenkundig und greifbar zu Tage kam, war die Erkenntnis: Dieser Bereich von Altenessen-Süd wurde viel zu lange ignoriert. Unabhängig und schon vor dem Einzug der neuen Mitmenschen knirscht es gewaltig im Gebälk: Marode Spielplätze, zu wenig Polizei, Angsträume und ein zum Teil nicht funktionierendes Miteinander der Kulturen, so schaut es aus in dem vom Feinstaub, Dreck und Lärm belasteten Altenessen-Süd. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Thema "Flüchtlingsdorf" eine Büchse der Pandora ein Stück weit öffnet. Es geht hier nicht nur um das Thema Zuzug, sondern um Klassenkampf und soziale Gerechtigkeit.

Die meisten leben hier gerne und wünschen sich, dass sie von Politik und Verwaltung mehr wahrgenommen werden. Sie wollen einen lebenswerten Stadtteil, der sich positiv entwickelt, haben jedoch über die Jahre hinweg viele Nackenschläge hinnehmen müssen. Da mag man ihnen verzeihen, wenn es manchmal an Nüchternheit fehlt und man das Thema "Flüchtlinge in Essen" plötzlich zur "eigenen Umfeldanalyse" nutzt. Fühlt sich halt gut an, wenn man gehört wird. Dass das in Altenessen wohl nicht an der Tagesordnung ist, beschrieb mir ein Bürger, der mit sarkastischem Unteron folgendes berichtete: Einst erklärte Essens Ordnungsdezernent Christian Kromberg eine bekannte verwahrloste Häuserzeile auf der Gladbecker Straße zur "Chefsache". Verändert hat sich dort nichts.

Fazit

Die Bandbreite der Bürgerbeteiligung in Altenessen-Süd reicht von Zivilcourage, Herzenswärme, Engagement und Mitfühlen bis hin zu Resignation, Furcht und aggressiver Wut. Die Ursachen sind vielschichtig, so wie die Bürger unserer Stadt.

Nach dem Motto "Unser Dorf soll schöner werden" schreit Altenessen-Süd nach Unterstützung und Hilfe aus Politik und Verwaltung. Und damit ist das gesamte "Dorf" gemeint. Denn schon heute ist klar: Wenn das Flüchtlingsdorf abgebaut wird und die Menschen in Wohnungen untergebracht werden, muss Integration in die Stadtgesellschaft richtig greifen. Und wo wird das passieren? Wahrscheinlich nicht in Stadteilen, wo gepflegte Spielplätze, sichtbare Bezirkspolizisten, Flüsterasphalt, eine funktionierende Nahversorgung und hohe Mieten das Leben "einer anderen Klasse" zeigen.

Ich sage: Es ist schwer, die Arme weit zu öffnen, wenn man selbst schwer zu tragen hat. "Einer trage des anderen Last", so steht es in der Bibel. Und so sollte es auch sein.

Autor:

Susanne Demmer aus Essen-Nord

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