Essen steht unter Wasser

Rettung per Schlauchboot an der Laupendahler Landstarße in Essen-Werden. Rund 40 Menschen müssen mit dem Boot aus ihren Wohnungen gerettet werden.
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  • Rettung per Schlauchboot an der Laupendahler Landstarße in Essen-Werden. Rund 40 Menschen müssen mit dem Boot aus ihren Wohnungen gerettet werden.
  • Foto: Mike Filzen
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Das schlimmste Hochwasser seit den 1960er Jahren hat schwere Folgen Essen lag zwar nicht im Krisenzentrum von Tief "Bernd", doch schon die Ausläufer trafen uns diese Woche heftig. Laut Ruhrverband war es das schlimmste Hochwasser in Essen seit den 1960er Jahren. Ganz besonders gelitten hat der Essener Süden. Das Freibad des Schwimmvereins Steele 1911 stand komplett unter Wasser und in Kupferdreh mussten Menschen mit Booten aus ihren Häusern evakuiert werden.

Allein am Mittwochabend, 14. Juli, kam die Essener Feuerwehr auf weit über 100 wetterbedingte Einsätze. Viele Keller im Essener Süden waren überflutet und Bäume umgestürzt. Gegen 21 Uhr verlagerte sich der Einsatzschwerpunkt nach Kupferdreh. Hier trat der Deilbach über die Ufer. Der Pegel des kleinen Baches stieg rasant an, so dass viele Notrufe die Leitstelle der Feuerwehr Essen erreichten. Im Bereich der Bahnstraße versanken innerhalb kürzester Zeit viele geparkte Autos und ein Wohnmobil in den Fluten. Große Baucontainer auf einer nahe gelegenen Baustelle machten sich selbstständig und schwammen wie "Spielzeugboote" davon. Zeitgleich wurden Teile der Kupferdreher Straße überflutet und verursachten in einigen Wohnhäusern Stromausfälle. Die Feuerwehr räumte daraufhin rund 30 Mehrfamilienhäuser. Die Bewohner wurden mit Löschfahrzeugen an ihren Hauseingängen abgepflückt. Einige mussten sogar mit einem Schlauchboot gerettet werden.

Weit über 100 Menschen kamen notdürftig in Betreuungseinrichtungen unter. An der Prinz-Friedrich-Straße wurde der Platz einer Spedition unterspült, so dass ein kompletter Sattelzug im Boden versank. Kräfte der Berufsfeuerwehr konnten einen Yorkshire Terrier in letzter Minute vor dem Ertrinken retten. In der heißen Phase waren rund 170 Einsatzkräfte und alle Freiwilligen Feuerwehren aus Essen im Einsatz.

Donnerstag schwoll die Ruhr an

Am Donnerstag  Stand 18 Uhr waren es rund 290 Retter, die zu 340 Einsätzen ausrückten. War es Mittwoch zunächst der Deilbach in Essen-Kupferdreh, der nach heftigen Regenfällen über die Ufer trat, sorgte Donnerstag die Ruhr mit ihrem mächtigen Pegel für brenzlige Situationen. Vollgelaufene Keller und Tiefgaragen, überflutete und später verschlammte Straßen, von der Umwelt abgeschnittene Häuser, Stromabschaltungen und immer wieder der besorgte Blick nach oben, ob es vielleicht doch wieder zu regnen beginnen würde, ließen die Einsatzkräfte und Verantwortlichen nicht zur Ruhe kommen.

Der Ruhrpegel, gemessen in Hattingen, war mit sieben Metern so hoch wie in den vergangenen 80 Jahren nicht mehr. Gegen 14 Uhr war der Scheitelpunkt erreicht, langsam sinkt der Pegel seitdem und lässt aufatmen. Aber nur ein wenig, denn aus dem Sauerland und den Talsperren strömen Wassermassen nach, jedoch soll der Maximalpegel nicht mehr erreicht werden.

Menschen mit Hubschrauber gerettet

Am Donnerstag Nachmittag mussten zwei Menschen mit einem Helikopter der Bundespolizei aus dem Fährhaus "Rote Mühle" gerettet werden. Mit Booten war dort nichts zu machen. Ein Reh allerdings hatte Glück. Bei der Erkundung der Lage entdeckten Feuerwehrleute das völlig entkräftete Tier an einem Zaun und brachten es in Sicherheit. Am frühen Abend wurden in Essen-Werden rund 40 Personen mit Schlauchbooten aus ihren Häusern gerettet, das Wasser stand zwei Meter hoch vor den Gebäuden an der Laupendahler Landstraße. In Steele war ein Pumpwerk der Stadtwerke in Gefahr, dort wurde fieberhaft gearbeitet. Die Helfer arbeiteten in der Nacht zu Freitag durch.  

Weiße Flotte fährt bis nächste Woche nicht

Die Bezirksregierung Düsseldorf hat wegen des hohen Pegelstandes das Befahren der Ruhr am Freitag bis auf weiteres komplett untersagt. Durch Treibgut und möglicherweise beschädigte Anlagen wie Deiche, Dämme und Schleusen ist es zu gefährlich. Daher muss auch die Weisse Flotte Baldeney auf dem Baldeneysee und der Ruhr ihr komplettes Linien- und Eventprogramm auf jeden Fall noch bis mindestens kommenden Dienstag, 20. Juli, einstellen.

Davon sind die Rundfahrten auf See und Ruhr ebenso betroffen wie die beliebten Sunset Cruises und die 5-Schleusen-Fahrten. Besitzer einer Karte für diese Events müssen sich aber keine Sorgen machen: Sofern die Fahrten später im Jahr noch angeboten werden, können die Karten umgebucht werden. Ansonsten besteht die Möglichkeit, über einen Gutschein einfach eine andere Tour zu buchen. Die Fahrgäste werden von der Weissen Flotte bei einem Ausfall entsprechend informiert und müssen nicht versuchen, über die ohnehin schon stark frequentierte Hotline durchzukommen.
Auf dem Rhein-Herne-Kanal findet am Samstag, 17. Juli, der Linien-Verkehr wie gewohnt statt.

"Starkregen und Hochwasser haben in NRW Existenzen vernichtet, Verletzte und Tote gefordert", ist Kai Gehring, grüner Bundestagsabgeordneter für Essen, geschockt. "Das seit Jahrzehnten schlimmste Hochwasser der Ruhr wird uns in den nächsten Tagen keine Ruhe lassen. Meinen großen Dank an alle Einsatzkräfte und die vielen Freiwilligen, die viel riskieren, um uns zu schützen." Jetzt stehe die akute und schnelle Hilfe im Vordergrund, aber danach müsse es um die Frage gehen, "wie Essen klimaresilienter und robuster gegen Extremwetter wird".

Autor:

Regina Tempel aus Mülheim an der Ruhr

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