Auszeichnung für mutige Rettung einer 77-Jährigen vor einem Angreifer
XY-Preis für Kita-Leiter Karsten Weisgut

Lebensretter Karsten Weisgut, hier mit Laudator Matthias Matschke erhielt für sein mutiges Eingreifen auf dem S-Bahnsteig den XY-Preis vom ZDF.
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  • Lebensretter Karsten Weisgut, hier mit Laudator Matthias Matschke erhielt für sein mutiges Eingreifen auf dem S-Bahnsteig den XY-Preis vom ZDF.
  • Foto: ZDF / Jule Röhr
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Für seine mutige Tag an der S-Bahnstation wurde ein Dortmunder jetzt vom Bundesinnenminister ausgezeichnet. Im ZDF-Hauptstadtstudio erhielt er mit anderen Lebensrettern von Horst Seehofer, als Schirmherr den "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" verliehen.
Der mit jeweils 10.000 Euro dotierte Preis geht an Menschen, die sich couragiert für andere eingesetzt haben. Als prominente Paten übernehmen die Schauspieler Amy Mußul, Heino Ferch und Matthias Matschke gern die Rolle der Laudatoren. 

Der Fall

Karsten Weisgut ist Bezirksleiter mehrerer Kindertagesstätten. Am Freitag, 5. Oktober 2018, kommt er mittags von einer Fortbildung und wartet an der Station Dortmund-West auf die S-Bahn. Am Bahnsteig fällt ihm ein 35-Jähriger auf, der mit apathischem Blick unruhig auf und ab geht und sich dann wieder hinsetzt. "Mein Eindruck war: Entweder der Mann hat was eingenommen, oder er ist psychisch krank."
Als eine 77 Jahre alte Frau auf das Bahngleis kommt, steht der 35-Jährige plötzlich auf, geht in ihre Richtung und schlägt der Frau mit voller Wucht gegen den Oberkörper. Sie schreit entsetzt auf und stürzt zu Boden. "Der Mann hat sofort angefangen, auf die Frau einzutreten – so schnell wie möglich, und so viele Tritte wie möglich, war wohl sein Ziel. Ich habe nur gedacht: Du musst der Frau helfen, sonst tritt der Mann sie tot", erinnert sich Karsten Weisgut.
Der Kita-Leiter schreit den Täter an und rennt auf ihn zu. Dabei ruft er anderen Wartenden auf dem gegenüberliegenden Gleis zu, dass sie die Polizei alarmieren sollen. Schon hat er den aggressiven Mann erreicht und stößt ihn mit Wucht von der Frau weg. Karsten Weisgut hilft dem völlig geschockten Opfer auf die Beine und stellt sich schützend vor die Frau. Als der Angreifer mit stierem Blick erneut auf sie zu-kommt, brüllt Karsten Weisgut den Mann an, dass er ihn nicht mehr in die Nähe der Frau lasse. Noch einmal stößt er den 35-Jährigen weg.

Als sei nichts passiert

Der Angreifer setzt sich nun wieder, zündet sich eine Zigarette an und verhält sich so, als sei nichts passiert. Karsten Weisgut führt das Opfer vom Bahnsteig weg, um es in Sicherheit zu bringen. Eine junge Frau, die vom anderen Bahnsteig aus die Polizei angerufen hat, kommt hinzu. Gemeinsam begleiten sie das Opfer ein Stück von der S-Bahnstation weg. Karsten Weisgut redet beruhigend auf die Seniorin ein. Dann lässt er sie in der Obhut der jungen Frau und läuft zur S-Bahn zurück, um weitere Fahrgäste vor dem gefährlichen Mann zu warnen.

Schnell andere warnen

"Einige Leute, unter anderem mehrere Schüler, wollten auf diesen Bahnsteig, und ich habe ihnen erklärt, dass sie nicht hochgehen sollen, zu ihrem eigenen Schutz", so Karsten Weisgut. Schließlich kommt die Polizei, und mehrere Beamte nehmen den Täter am Bahnsteig fest. Sein Opfer steht unter schwerem Schock und hat Hämatome am ganzen Körper. Der Täter kommt ein Jahr später vor Gericht. Er wird freigesprochen, jedoch in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen.

Bei Gewalttat vorbildlich reagiert

Die Begründung der Jury:Karsten Weisgut hat auf vorbildliche Weise reagiert, als er unvermittelt Zeuge einer brutalen Gewalttat wurde. Am helllichten Tag griff ein psychisch kranker Mann eine ihm unbekannte 77-jährige Frau auf einem Bahnsteig an. Der Täter schlug sie nieder und traktierte sein auf dem Boden liegendes Opfer mit Tritten. Karsten Weisgut, der in der Nähe stand, realisierte sofort, dass das Opfer in akuter Lebensgefahr schwebte.

Opfer in Lebensgefahr

Durch lautes Rufen machte er weitere Personen auf die Situation aufmerksam und sorgte dafür, dass eine Zeugin die Polizei alarmierte. Zeitgleich stieß er den Täter mit aller Kraft von seinem Opfer weg und stellte sich schützend vor die hilflose Frau. Als der Täter von ihr abließ, brachte Karsten Weisgut die verletzte und geschockte Frau in Sicherheit und warnte zudem weitere Personen davor, den Bahnsteig zu betreten. Der Täter konnte kurze Zeit später festgenommen werden. Dank des sofortigen und umsichtigen Eingreifens von Karsten Weisgut konnten weitaus schlimmere Verletzungen von dem Opfer abgewendet werden. Die Jury ist der Meinung, dass Karsten Weisgut im Sinne des XY-Preises vorbildlich gehandelt hat.

"Zeit zu denken, blieb mir nicht"

Interview mit Karsten Weisgut

Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen?

Ich wartete auf dem Bahnsteig auf die S-Bahn. Etwa acht Meter entfernt von mir wartete eine ältere Frau ebenfalls. Der Täter ging an der Frau vorbei und schlug sie ohne jeden Grund oder Anzeichen plötzlich nieder und trat völlig unkontrolliert auf die am Boden liegende Frau ein. Dies beobachtete ich aus dem Augenwinkel und durch die Schreie der Frau reagierte ich auf die Situation. Zeit zu denken, blieb mir nicht, sondern ich musste sofort reagieren und den Mann von der Frau abhalten. Ich spurtete also direkt los und rammte den Mann mit aller Kraft von der Frau weg, weil ich den Eindruck hatte, dass er sie tottreten wollte.

Hatten Sie keine Angst um Ihr eigenes Leben?

Ich hatte in diesem Moment so einen Adrenalinschub und Angst um die Frau, dass ich persönlich keine Angst um mein Leben hatte. Der Gedanke, dass dieser Mann so schnell wie möglich aufhören musste, auf die Frau einzutreten, war so stark, dass ich in dem Augenblick gar nicht über meine Situation nachgedacht habe.

Was haben Sie gefühlt, als sich die Situation etwas beruhigt hatte? Wie ging es dann weiter?

Als erstes habe ich Erleichterung empfunden, dass die Frau und ich in Sicherheit waren, und keiner von uns schwere Verletzungen davongetragen hatte. Das Gefühl der Erleichterung wurde noch verstärkt, weil eine dazukommende junge Frau die Polizei alarmiert hatte. Diese Frau hatte alles vom gegenüberliegenden Bahnsteig beobachtet. Anschließend kam bei uns allen das Gefühl der Fassungslosigkeit auf und wir versuchten, gemeinsam die ältere Frau zu beruhigen und selbst ein wenig klar zu denken. Ich beobachtete aus der Ferne, wie Schüler in Richtung S-Bahn-Haltestelle gingen. Da der Täter eventuell noch auf dem Bahnsteig sein konnte, hatte ich das Opfer und die junge Frau aufgefordert, an der Stelle zu bleiben, an der sie waren, und habe dann alle Leute davon abgehalten, auf den Bahnsteig zu gehen. Dann kam kurze Zeit später die Polizei.

Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Frau?

Ich habe die Frau vor dem Amtsgericht und Landesgericht getroffen. Hier erzählte sie mir, dass es ihr gut gehen würde, was mich sehr gefreut hat. Außerdem hat die Frau mich noch einmal angerufen und sich sehr herzlich bei mir bedankt.

Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

Ich denke heute, dass es entscheidend in dieser Situation war, nicht zu denken, weil alles so schnell passieren musste. Ich denke manchmal daran, wenn ich nicht geholfen hätte und der Frau etwas Schlimmes passiert wäre, dann könnte ich nicht mehr ruhig schlafen. Und deshalb würde ich immer wieder helfen.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihr Eingreifen reagiert?

Im ersten Moment waren meine Angehörigen, Freunde und Arbeitskollegen besorgt und erschrocken, aber insgesamt sind alle froh, dass der Frau und mir nichts passiert ist. Viele Leute sagten zu mir, dass sie nicht wüssten, ob sie auch so gehandelt hätten, und wenn sie sich vorstellten, dass es ihre Mutter oder Oma gewesen wäre, dann wünschten sie sich auch jemanden der eingreift.

Wie geht es Ihnen mit der bevorstehenden Preisverleihung?

Es ist für mich eine aufregende Sache und damit gerechnet habe ich nicht. Für mich ist es so, dass ich für eine Selbstverständlichkeit ausgezeichnet werde, die leider anscheinend heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Das macht mich nachdenklich, aber ich freue mich sehr über die Anerkennung.

Autor:

Antje Geiß aus Dortmund-City

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