Offener Brief an Oberbürgermeister Kufen
Corona und die Generation 60 plus

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kufen,

als Empfänger Ihres quasi offenen Briefes an die „Generation 60 plus“ möchte ich Ihnen mit einem Offenen Brief antworten. Ich empfinde Ihren Brief als unnötige Belehrung, während sie zu entscheidenden Fragen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kein Wort verlieren.
Nach meinen Erfahrungen hat nicht nur die Generation 60 plus die Hygiene- und Abstandsregeln, von denen Sie sprechen, längst verinnerlicht. Andererseits ist das sture und starre Bestehen auf einer pauschalen Isolierung von älteren Menschen und verschiedenen Risikogruppen auch nach Meinung von Fachleuten nicht nötig.

Sie kündigen in Ihrem Brief an, „eine umfangreiche Untersuchung durchzuführen“ und zwar durch einen Fragebogen (!) vom Gesundheitsamt, den wir in den nächsten Tagen erhalten sollen. Warum ergreifen Sie nicht die Initiative für eine breite Testung von Essenerinnen und Essenern unabhängig von Symptomen? Das wäre eine sinnvolle Untersuchung, auch um tatsächlich aussagekräftige Zahlen über das wirkliche Ausmaß der Pandemie in Essen zu bekommen.

Von Ihnen hat man dagegen bisher noch nicht mal was zum Thema Atemschutzmasken gehört, obwohl eine Tragepflicht sich in immer mehr Städten durchsetzt und immer mehr Bürgermeister hier aktiv werden.

Was nützen die ganzen Abstandsregeln und Kontaktverbote, wenn in viel zu vielen Betrieben weiter gearbeitet wird, als gäbe es keine Pandemie. In Italien war das nachweislich ein wichtiger Faktor für die Schwere der Pandemie. Warum muss in einem Betrieb wie Kennametal WIDIA bis letzte Woche normal gearbeitet werden? Es hätten schon längst viel mehr Betriebe heruntergefahren und geschlossen werden müssen, die weder systemrelevant noch für die Versorgung der Bevölkerung nötig sind.

Andererseits müssen zahlreiche Menschen, deren Betrieb schließen musste, mit einem völlig unzureichenden Kurzarbeitergeld von 60 oder 67 Prozent auskommen. Das Kurzarbeitergeld muss 100 Prozent betragen. Die großen Konzerne können das selbst bezahlen (einige haben ja auch aufgestockt bzw. das in Tarifverträgen schon so geregelt), bei Klein- und Mittelbetrieben muss der Staat einspringen.

Zu all diesen Themen und Fragen verlieren Sie in Ihrem Brief kein Wort, sondern betonen völlig einseitig dass „wir zu Hause bleiben und uns einschränken“ sollen. Sie sagen, es gehe darum, dazu beizutragen, dass wir unser Gesundheitssystem nicht überlasten. Mit Verlaub: Wer und welche Politik hat denn diese Gefahr heraufbeschworen? Warum diskutieren wir denn seit über zehn Jahren über den Pflegenotstand, warum mussten u.a. die Kolleginnen und Kollegen am Uni-Klinikum 2018 zwölf Wochen für die Einstellung von mehr Personal streiken? Gehörten nicht auch Sie zu den enthusiastischen Befürwortern der Pläne der Contilia-Gruppe, zwei von drei Krankenhäusern im Essener Norden zu schließen und sich in einem nagelneuen Krankenhaus auf profitable Spitzenmedizin zu konzentrieren?

Sie betonen, dass die Stadt aktuell sehr viel dafür tut, besonders Menschen in unseren Pflegeeinrichtungen zu schützen. Gilt das auch für das Personal in diesen Einrichtungen? Dann sollten Sie umgehend dagegen Stellung beziehen, dass die Arbeitszeiten des Personals ausgerechnet in dieser angespannten Situation noch verlängert werden sollen. Das Gegenteil ist angesagt: die Schichten müssten auf sechs Stunden begrenzt werden, wie auch verantwortungsvolle Mediziner fordern.

Ihr Brief geht an den wirklichen Fragen und Problemen, die durch diese beispiellose Krise aufgeworfen sind, völlig vorbei. Das hätten Sie sich und uns getrost ersparen können.
Mit freundlichen Grüßen
Bodo Urbat

Der Brief des OB an die "Generation 60 plus"

Autor:

Bodo Urbat aus Essen-Nord

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