Im Polizeipräsidium Essen/Mülheim macht man sich Sorgen um kleine und ältere Radfahrer
Polizei beklagt Verfall der Verkehrsmoral

Engagiert stellte Wolfgang Packmohr (2.v.l.) Kollegen und der Öffentlichkeit den Jahresbericht zur Verkehrsunfallentwicklung vor.
Foto: Henschke
  • Engagiert stellte Wolfgang Packmohr (2.v.l.) Kollegen und der Öffentlichkeit den Jahresbericht zur Verkehrsunfallentwicklung vor.
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Vier Menschen haben im vergangenen Jahr auf Essens Straßen ihr Leben verloren. Die Polizei Mülheim/Essen stellte ihren Jahresbericht zur Verkehrsunfallentwicklung vor.

Natürlich ging es um viel Zahlenwerk, doch gilt die Sorge den Menschen hinter den Statistiken. Daran lässt Polizeidirektor Wolfgang Packmohr keine Zweifel: „Jeder Tote, jeder Verletzte ist einer zu viel. Wir haben besonders die schwachen Verkehrsteilnehmer im Fokus: Kinder und ältere Mitbürger.“ Packmohr leitet die Direktion Verkehr und stellt die Zahlen des Jahres 2018 vor. Eine Zunahme der Verkehrsunfälle im Bereich des Polizeipräsidiums um 4,66 Prozent entspräche dem Landestrend: „Dies ist im Wesentlichen auf einen Anstieg der Bagatellunfälle zurückzuführen.“

Abenteuerliche Erlebnisse

Bedenklich: Die Zahl der in Essen schwer verletzten Unfallopfer ist von 343 auf 386 gestiegen. Erfreulicherweise ist die Anzahl der verunglückten Kinder insgesamt rückläufig, allerdings ist die Zahl der schwerverletzten Kinder um 26 Prozent gestiegen. Bei den Senioren ist eine Zunahme der insgesamt Verunglückten um 7,74 Prozent zu verzeichnen. Bei den 336 verunglückten Fußgängern sind auch Inlineskater mitgezählt: „Und wir sehen mit Angst auf uns zukommen, dass demnächst E-Scooter legalisiert werden. Mit kleinen Rädchen durch die Schlaglöcher, das wird nicht gutgehen.“ Ganz besonders schwer im Magen liegt Packmohr aber eine erschreckende Statistik: „Insgesamt verunglückten 374 Rad- und Pedelecfahrer. Deren Zahl ist gegenüber 290 im Vorjahr kräftig gestiegen. Das werden wir demnächst noch genauer auswerten. Woran hat’s gelegen? Häuft sich da was an bestimmten Stellen?“ In Essen findet sich also der bedenkliche NRW-Trend nicht nur wieder, er wird sogar negativ getoppt. Dazu Wolfgang Packmohr, der selbst zur Arbeit radelt: „Was ich da erleben muss, ist abenteuerlich.“ In Essen wurden 216 Personen erwischt, die beim Radeln telefonierten oder aufs Smartphone schauten. „Aber es sind nicht nur diese oder die rasenden Rennradfahrer. Sorgen bereiten uns die Kinder und die Senioren. Immer weniger Schüler können sicher Radfahren, da sind uns die Elterntaxis ein Dorn im Auge. Immer mehr Ältere steigen aufs Pedelec und sind da unsicher.“ Fahrradfahren verlernt man nicht? Es braucht Übungsplätze, auf dem einerseits Kinder das Radfahren im Straßenverkehr üben und andererseits Senioren mehr Sicherheit auf Fahrrad oder Pedelec erlernen können. Auch wird eifrig über die Helmpflicht diskutiert. Innenminister Herbert Reul sieht noch keinen Anlass dazu, doch Wolfgang Packmohr weiß: „So ein Sturz kann böse ausgehen, besonders für ältere Radfahrer.“ Er befürwortet daher eine Helmpflicht für Radler. Natürlich könne man so keinen Unfall vermeiden, aber die oft schweren Folgen wie Kopfverletzungen erheblich mindern.

Jedem Hinweis wird nachgegangen

Zum ohnehin schon dichten Essener Verkehr kamen weitere 3.600 zugelassene Kraftfahrzeugen dazu. Gleichzeitig fielen aber bei der Polizei Essen/Mülheim zehn Personalstellen weg. Die Unfallflucht ist ein Thema, bei dem Packmohr kein Pardon kennt: „Jedem Hinweis gehen wir nach.“ Natürlich werden weiterhin Geschwindigkeitsüberschreitungen überprüft: „171 Verunglückte wegen Rasens sind erschreckend.“ Wolfgang Packmohr fasst zusammen: „Die Verkehrsmoral ist in Teilen unterirdisch.“ Beim Thema Alkohol und Drogen am Steuer sind die Zahlen ebenfalls gestiegen. Auch hier ist die Polizei gefordert. Doch die personellen Engpässe spüre man besonders in Krankheitszeiten mit vielen Grippegeschwächten: „Uns fehlt Personal an allen Ecken und Kanten.“ Der stellvertretende Behördenleiter Detlef Köbbel weist auf ein besorgniserregendes Phänomen hin: „Der Verfall der Verkehrsmoral ist ein gesellschaftliches Problem, zum Beispiel bei den Gaffern. Das werden wir auch mit doppelt so viel Personal nicht ausgleichen können. Unsere Nulltoleranz-Strategie wirkt sich nicht auf Verkehrsverstöße aus.“

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