Die 55. MÜLHEIMER LESEBÜHNE, ein Bericht von Rolf Blessing

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Manfred Wrobel
 
Peter Roßkothen

55. Lesebühne am 04.05.2018

Bei allerbestem Maiwetter fand sich die treue Anhängerschar zur - wieder mit viel Spannung erwarteten - 55. Lesebühne im Handelshof ein.

Der Veranstalter Manfred Wrobel begrüßte die Gäste und stellte ein Projekt der Stadtbibliothek Mülheim vor.

Peter Roßkothen aus Düsseldorf, übernahm anschließend die Anmoderation der Beiträge und führte wie immer gekonnt durch das Abendprogramm.

Den Auftakt machte die Autorin und humanitär engagierte Esther Samson. Sie las aus ihrem bibelfesten Buch „Wenn der Sturm tobt“, in dem die von ihr verehrte Victoria einiges auszuhalten hat. Letztlich helfen ihr die positive Einstellung zum Leben, ihr Glaube an das Gute, und ein wenig Glück, die schlimmen Schicksalsschläge zu überwinden, so dass die Geschichte ein gutes Ende nimmt.

Den musikalischen Part übernahm an diesem Abend die stimmgewaltige Augustina Nyarko aus Ghana, u. a. mit dem Song von Whitney Huston „One Moment in Time“, begleitet von Herrn Schröder! Ihr Auftritt war eine unglaublich interessante Bereicherung des Programms und ein donnernder Beifall ihre verdiente Belohnung. Ich bin sicher, dass man noch viel mehr von ihr hören wird, wenn sie ihre Kunst weiter ausbildet, um auch die ganz schwierigen, mit viel Atemtechnik verbundenen Stücke in ihr Repertoire übernehmen zu können.

Mit Auszügen aus zwei ihrer Kurzgeschichten führte die allseits bestens bekannte Dagmar Schenda das Publikum in die verrückte Welt und Nöte eines Alkoholikers auf Entzug (Weggeschenkt) ein und wob Bild von komplizierten Geschehnissen rund um die englische Universität Cambridge.

Aus Frankfurt am Main angereist, trug Franziska Franz aus der Anthologie „Mord im Spinat“ Auszüge aus ihrem Beitrag „Mordsmenü“ vor. Der Pilzkoch Josef Weidenreich, seine Ehefrau Gisela und seine Geliebte Yvonne werden darin kunstvoll in Position gebracht, so dass dem perfekten Mord eigentlich nichts mehr im Wege stehen dürfte. Dabei spielt der Gifthäubling aus der Familie der Täublinge eine unheilvolle Rolle.

Dass nicht immer alles nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist, und sich Literatur auch mit unangenehmen Themen wie zum Beispiel der Kindesmisshandlung befasst, konnte Wolfgang Brunner dem Publikum nicht ersparen. Der Schriftsteller, ist für sein breites Spektrum bekannt, welches von Kinderbüchern bis zu biographischen Werken reicht. Trotzdem die Themenwahl überraschte und die ihm von sehr situationsakribisch beschriebenen Erinnerungsversuche eines fast 70-jährigen, im Gespräch mit seiner Psychologin, leichte Beklemmung im Saal aufkommen ließ, muss man wieder mal Anerkennung aussprechen, wie intensiv Brunner sich mit diesem Tabu beschäftigt hat, wenngleich manche Ausflüge in Ereignisse der 50-er Jahre (James Dean) doch etwas klischeehaft erschienen.

Die von Angelika Stephan vorgetragene Geschichte endete mit einem überraschenden, aber gerechten Ende. Wie man sich aus einer Verbindung löst, die einmal der „Himmel auf Erden“ war und später zur „Langeweile schlechthin“ geworden ist, zeigte sie mit viel Temperament und Tempo flüssig auf.

Cassia Cole ist eine jüngere Debut-Autorin. Sie berichte aus dem Leben einer Schülerin, der das Aufschreiben hilft, mit hartnäckigen Albträumen fertig zu werden. Eindrucksvoll und auch sich selbst gegenüber schonungslos wird das Wandeln zwischen Traum und Wirklichkeit so transportiert, dass die Grenzen verschwimmen. Aus eigener Erfahrung darf ich an dieser Stelle ein herzliches „nur Mut, weiter so“ ausrufen.

Mit Gedichten, die mich aufgrund ihrer Atmosphäre und den erzeugten Bildern stark an Zeilen von Shakespeare erinnert haben und einer Geschichte vom alten Gretchen fesselte Lisi Schuur ihre Zuhörer. Ihre sehr klare und unwiderstehliche Art des Vortrages fesselte das Publikum derart, dass alle Randgespräche verstummten und man eine Nadel hätte fallen hören können.

Bei Renate Behr wurde wieder kriminalisiert. Zugbegleiter, auf deren Job mancher Andere scharf ist, scheinen gefährlich zu leben. Dass gewisse Vorkommnisse diesbezüglich nicht unter den Teppich gefegt werden, dafür sorgt ihr Kommissar Wischkamp.

Einen ganz besonderen Beitrag lieferte Jürgen Brümmer. Er scheute sich nicht, die Dialoge in der primitiven Sprache des asozialen Hartz IV – Empfängers Koschinski zu fassen. Dass dieser „Parasit“ letztlich sein blutiges Ende fand, versöhnte das Publikum mit dieser Geschichte, da zwischendurch zu befürchten war, dass Koschinski wieder mal „so“ davonkommen könnte. Eine schlüssige Verfolgung der gesamten Handlung kam leider wegen der nur auszugsweise vorgetragenen Passagen nicht zustande, so das erklärungsbedürftige Ungereimtheiten (Jahr 2035, Sense, Harpune usw.) im Raume stehen bleiben mussten.

Drei Stunden ohne Fernseher, alle Vorträge live und draußen wartet ein lauer Maiabend; in einer Zeit, wo man im allgemeinen Straßenbild sehr viele Menschen sieht, die ihren Blick nicht mehr von ihrem Handy nehmen können war die 55.te Lesebühne wieder mal ein hoffnungsvolles Zeichen gegen den Strom.

Rolf Blessing 06.05.2018

Fotos (c) Manfred Wrobel


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