Reinhold Messner im Exklusiv-Interview
"Ich lebe in meinem siebten Leben"

Unser Volontär Christian Schaffeld traf Reinhold Messner im Vorfeld seines Vortrags im Oberhausener Gasometer zum Exklusiv-Interview.
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  • Foto: Thomas Machoczek
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Reinhold Messner, der in der vergangenen Woche seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, gilt als der Star unter den Extrembergsteigern. Zahlreiche Buchpublikationen und Fernsehauftritte verhalfen ihm zu Weltruhm. Im Exklusiv-Interview mit Christian Schaffeld verrät er, welcher sein Lieblingsberg ist, warum er auf seine Leistungen nicht stolz ist und was den Gasometer so einzigartig macht.

Von Christian Schaffeld

Herr Messner, alles Gute nachträglich zu Ihrem Geburtstag. Sie sind jetzt 75 Jahre alt geworden und könnten eigentlich Ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Warum machen Sie genau das nicht?

Erstmal vielen Dank für die Glückwünsche. Aber muss man mit 75 auf dem Sofa sitzen, Bier trinken und Däumchen drehen? Mit mir nicht. Ich lebe vom Gestalten und Umsetzen von Ideen und von der Aktivität. Ich meine das nicht wirtschaftlich, denn ich habe davon relativ wenig, dass ich noch so fleißig bin. Ich bin glücklich, dass ich gestalten darf, dass ich mich ausdrücken darf und dass ich alles, was mir noch liegt, machen kann.

Sie waren der erste Mensch der alle 14 8.000er Berge ohne Sauerstoffflasche bestiegen hat. Macht Sie das stolz?

Nein, das Zurückschauen ist nicht mein Sport. Also Zurückschauen im Alter auf ein gelungenes Leben ist zu spät. Es geht darum, dass man sukzessive Ideen umsetzt und dabei entsteht gelingendes Leben. Ich sage extra gelingendes Leben, in der Gegenwart im Hier und Jetzt. Das ist der Schlüssel zum Glück. Ein nur Zurückschauen, wie zum Beispiel darauf, dass ich mal den Mount Everest bestiegen habe, gibt mir heute nichts, auch nicht den Stolz darauf gestiegen zu sein. Das war eine Phase, in der ich das gemacht habe, in der wollte ich das. Ich habe da auch sehr viel Zeit, Geld und Begeisterung hinein gesteckt, aber heute tue ich etwas anders. 

Inwiefern?

Ich lebe in meinem siebten Leben. Ich habe immer wieder etwas Neues angefangen, habe mich immer wieder neu erfunden und nach fünf bis zehn Jahren ist es mir gelungen, den Zenit dessen zu erreichen, den ich mit meinen Fähigkeiten in der jeweiligen Spate erreichen konnte. Ich bin nicht der gelernte oder ideale Sportler. Ich bin ein ganz normaler Mensch, der eben diese Sachen macht.

Wie haben Sie sich denn darauf vorbereitet? Schließlich war vor Ihnen noch kein Mensch auf dem Mount Everest. Heißt: Tipps holen konnten Sie sich nicht.

Richtig. Ich habe es nicht abschauen können, ich musste es vormachen. Ich wollte es aber auch vormachen. Das war ja ein Test, ein Versuch. Geht es oder geht es nicht? Und wir sind zufällig bis zum Gipfel gekommen.

Zufällig? Wären Sie nicht dort angekommen, würden Sie hier heute nicht sitzen?

Nein, das nicht. Wenn es nicht gelungen wäre, wären wir unter dem Gipfel umgekehrt. Also wir waren nicht so gepolt, dass wir im Extremfall sterben. Keiner von uns will da oben sterben. Die Kunst ist es eben nicht zu sterben.

In welchen Situationen haben Sie das Gefühl von Angst gespürt?

Es gibt solche Phasen, vor allem im Vorfeld. Die Angst ist im Grunde die Angst vor der Angst. Wenn man denkt, das kann passieren und das kann passieren und es ist ziemlich schlimm, wenn ich da oben bei -40 Grad Celsius erfriere, weil ich keinen Schutz habe oder weil ich nicht zum Zelt komme. Das will man natürlich nicht. Aber so kommt die Situation ja gar nicht vor, wenn ich steige, steige ich.

Was bedeutet denn das Bergsteigen für Sie und für Ihr Leben?

Das Bergsteigen war ein Teil meines Lebens, wobei das Bergsteigen für mich generell mehr Kunst ist als Sport. Das ist kein Sport, das kann man nicht messen.

Welcher ist denn Ihr Lieblingsberg?

Mein Lieblingsberg ist der Machu Puchare. Er gilt als das Matterhorn des Himalayas. Das ist ein unbestiegener Berg.

Und was halten Sie vom Matterhorn? Eine Nachbildung hängt schließlich hier im Gasometer.

Das Matterhorn ist auch ein schöner Berg, weil er so eigenwillig ist. Das Matterhorn ist ein gedrehter Berg und nicht einfach eine Pyramide, sondern eine Form, die man gar nicht erfinden kann, die muss man dort einfach abschauen. Ein großer Künstler könnte das Matterhorn bauen oder es als Skulptur schaffen. Wobei es wahrscheinlich ein bisschen groß für einen Künstler alleine ist (lacht).

Abschließend möchte ich mit Ihnen noch über den Gasometer sprechen. Sie sind mittlerweile ja quasi schon Stammgast. Warum ist der Gasometer so besonders?

Das stimmt. Ich bin, glaube ich, zum vierten Mal hier, das letzte Mal im vergangenen Jahr. Frau Schmitz (Geschäftsführerin des Gasometers, Anm. d. Red.) macht das hier großartig. Diese Ausstellungsmöglichkeit ist singulär, deshalb ist der Gasometer auch so erfolgreich. Dazu sind die Themen gut. Beim Matterhorn stellte sich natürlich die Frage, wie kriege ich das irgendwie greifbar. Von unten nach oben zu gucken ist schwierig. Da kann man sich das nicht wirklich vorstellen, aber in dem Moment, in dem es sich spiegelt, sehe ich auf einmal auf den Gipfel herunter. Das ist ein ganz neuer Blick, auch für mich.

Den Bericht zur Veranstaltung lesen Sie am morgigen Samstag im Oberhausener Wochenanzeiger, als E-Paper, oder online hier.

Autor:

Christian Schaffeld aus Oberhausen

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