Eine kleine Baumfabel: Älter werden ist nichts für Feiglinge!

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Bestimmt schon hundert Mal daran vorbeigefahren, halte ich heute ganz fasziniert an. Stelle meine Fiets ab um dieses kleine Naturwunder genauer zu betrachten. Was einmal ein stattlicher Baum gewesen sein muss, ist nun halb zur Seite weggekippt. Der Stamm scheint morsch, vielleicht wurde er auch mal vom Blitz getroffen. Am erstaunlichsten finde ich jedoch, dass sich der Baum auf ein paar Ästen abzustützen scheint. Und das, was von seiner Krone übrig ist, reckt sich zielstrebig Richtung Himmel.

"Dieser Baum ist wie wir alten Menschen", lacht mich die ältere Dame, die auf dem Nachbargrundstück ihre Blumen gießt, verschmitzt an. Und sie fährt fort: "Wir können auch nicht mehr so, wie wir wollen - machen aber das beste draus!" Nein, abholzen sei zum Glück kein Thema, denn jedes Jahr gibt es sogar noch eine kleine Kirschernte.

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Ich schiebe mein Rad zur nahe gelegenen Bank an einem Kolk, setze mich und denke weiter über den Baumsenior nach. Die Sonne scheint warm durch die Wolkenberge und so schließe ich die Augen. "Älter werden ist nichts für Feiglinge", wispert mir der Wind die Botschaft des verkrüppelten Baumes ins Ohr. "Möchtest Du seine Geschichte hören? Er erzählt so gern von früher!" raunt die frische Brise mir zu...

"Vor vielen Jahren war auch ich ein toller Hecht", hebt der alte Kirschbaum an. "Meine Blüten waren der Mittelpunkt jeden Bienenschwarms, die Leute liebten meine Früchte und ich hatte ein mächtig gutes Leben. Doch dann zog zum Ende eines langen heißen Sommers ein gewaltiger Sturm auf und rüttelte mich durch. Früher hätte ich mich einfach fest dagegen gestemmt, doch diesmal - brach etwas in mir entzwei!"

Der knorrige Baum seufzt schwer. "Alle dachten, das war's nun mit dem ollen Baum. Den mag keiner mehr sehen, der muss weg. Doch im Herzen, da fühl ich mich noch jung! Und dann halfen mir doch wirklich ein paar nette Menschen zu überleben. Ich muss mich damit abfinden, am Stock zu gehen und sie müssen akzeptieren, dass ich ihn auch manchmal wegwerfe, um wie damals mit der Bienenkönigin zu tanzen..."

In diesem Moment wecken erste dicke Tropfen die Zuhörerin. Verwirrt schaut sie sich nach dem alten Baum um - doch der liegt da auf seiner Wiese, als könne ihn kein Wässerchen trüben.

© Christiane Bienemann

Autor:

Christiane Bienemann aus Kleve

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